Alles fühlte sich an wie immer. Paul Weiß zog die wasserdichte Hose mit dem robusten Stoff, den selbst Dornen kaum durchdringen konnten, und seine festen Schnürschuhe an. Darüber die wetterfeste Jacke mit den vielen Taschen, in denen alles Platz hatte, was er brauchte, und seinen Hut mit der breiten Krempe, dem man die vielen Jahre der Benutzung bei jedweder Witterung bereits ansah.
Er freute sich wie ein kleines Kind, dass er wieder in den Wald gehen würde, an die vertrauten Plätze, um Pilze zu sammeln. Und doch war diesmal etwas anders. Er ging allein. In dieser Pilzsaison hatte er es noch gar nicht gewagt, wieder einen Fuß vor die Tür zu setzen. Zu mitgenommen war er vom plötzlichen Tod seiner Frau Hannah vor knapp sechs Monaten, die ihm sehr fehlte.

Bis zu dem Parkplatz im Wald waren es nur wenige Kilometer. Sonst hatte er einen Korb dabei, diesmal reichte ihm ein feinmaschiges Netz, das er zu einem Beutel zusammengebunden hatte. Er wusste nicht, ob er heute finden würde, wonach er suchte. Er suchte nach einem besonderen Pilz, den es nicht oft gab. Er musste lange suchen, bis er ihn endlich gefunden hatte, obwohl er sich auskannte und wusste, welche Standorte diese Pilze bevorzugten. Er nahm genau acht schöne Exemplare mit, weil die Zahl acht schon in Kindertagen immer seine Lieblingszahl war. Sie hatte keine scharfen Kanten und wenn man ihre Konturen mit dem Finger nachstrich, hörte sie nie auf. Genau wie seine Liebe zu Hannah.

Paul kehrte zum Auto zurück und fuhr wieder nach Hause. Dort putzte er die Pilze sorgfältig, um sich daraus – zusammen mit Butter, ein wenig gehackten Zwiebeln, Kräutern und etwas Sahne – eine Mahlzeit zu kochen. Dazu würde er frisches Brot essen, das er selbst gebacken hatte und das wunderbar duftend auf dem Schneidbrett lag. Die Überreste der Pilze brachte er nach draußen und warf sie, verschnürt in einer Tüte, in die Abfalltonne, die am nächsten Morgen geleert werden würde.

Er dachte, wie so oft in den vergangenen Wochen, an Hannah. Seine inzwischen betagten Eltern waren der Verbindung von Anfang an sehr skeptisch gegenübergestanden. Sie hatten sich für ihren Sohn und dessen mögliche Partnerin ohnehin etwas anderes vorgestellt. Mit dem Leben eines freiberuflich tätigen Geografen und einer Musiklehrerin konnten sie nichts anfangen. Sein Vater sagte häufig im Scherz „Du arbeitest also vogelfrei“, doch für Paul war das nicht lustig. Es machte ihn traurig, dass sich selbst seine Mutter nur an wenige städtebauliche Projekte erinnerte, von denen er ihr erzählt hatte. Sein Vater war zeitlebens Beamter bei der Post gewesen und wurde im Zuge der Privatisierung des Unternehmens zunächst in Altersteilzeit geschickt und später zum Frührentner mit einem beachtlichen Auskommen, von dem sein Sohn nur träumen konnte. Am meisten ärgerte ihn, dass er wirklich viel für sein berufliches Weiterkommen tat, aber am Monatsende kaum etwas davon auf seinem Konto sah. Und sein Vater, der nie hart für seinen Unterhalt hatte arbeiten müssen, bekam jeden Monat ein schönes Sümmchen aufs Konto überwiesen.

Hannah hatte mit Musikschülern etwas frischen Wind ins Haus gebracht. Eigene Kinder konnten sie leider nicht bekommen, obwohl sie es sich in jungen Jahren sehnlich gewünscht hätten, aber seine Fruchtbarkeit, die unter einem Mindestmaß lag, und ein genetischer Defekt bei ihr hatten es trotz vieler Anläufe und unzähliger Arztbesuche nicht zugelassen. Irgendwann mussten sie sich schweren Herzens damit abfinden, denn sie wollten keine „alten Eltern“ sein, auch nicht für ein adoptiertes Kind. Es schwang nach den zahlreichen Fehlschlägen wohl auch die Angst mit, es nicht genauso lieben zu können wie ein eigenes, und die Befürchtung, dass es eines Tages nach den leiblichen Eltern suchen würde. Und selbst wenn es ein Waisenkind gewesen wäre, hätte sich vor allem Hannah vor Sätzen gefürchtet wie „Ihr habt mir gar nichts zu sagen, ihr seid ja nicht meine richtigen Eltern!“ Also nahmen sie jeden neuen Musikschüler oder jede neue Schülerin wie ein temporäres Mitglied der Familie auf, gaben manchmal Hauskonzerte und hatten häufig noch bis ins Erwachsenenalter Kontakt zu den einstigen Jungen und Mädchen.

Sein Vater hielt die Kinderlosigkeit bloß für eine weitere der vielen Unfähigkeiten seines Sohnes. Wenn er Paul einmal lobte, schwang darin auch immer eine Spur Ironie mit. Manchmal kam es ihm vor, als hätte sich der Vater einen anderen Sohn gewünscht. Pauls Leben war eben nicht so geradlinig verlaufen wie das seines Vaters. Er hatte nicht beim öffentlichen Dienst angeheuert, obwohl sein Vater das gern gesehen hätte, am liebsten im diplomatischen Dienst. Dann hätte er „‘was von der Welt gesehen“, sagte sein alter Herr immer. Dass er dann aber auch ständig hätte umziehen müssen und nie richtig sesshaft geworden wäre, was sicherlich auch ein Problem für Hannah gewesen wäre, und dass er zudem in Krisenregionen hätte gehen müssen, um womöglich beruflich aufzusteigen, und dort sein Leben riskiert hätte, davon war nie die Rede. Er hasste diesen Gesichtsausdruck seines Vaters, wenn es um seine verpassten Chancen ging. Diese Mischung aus Belächeln und Bedauern. Als wollte er es tunlichst vermeiden, ihn für irgendetwas zu beneiden. Die Welt hatte Paul inzwischen anderweitig bereist, zum größten Teil mit Hannah, aber manchmal auch auf eigene Faust und vor allem zu selbst gewählten Zielen. In seiner Kindheit war das Verhältnis zum Vater noch besser gewesen. Als Junge war er oft mit ihm in den Wald gegangen zum Pilze sammeln. Sein Vater hatte ihm beigebracht, worauf er achten musste, und diese Liebe zur Natur und den Pilzen hatte bis heute Bestand.

Seit Hannah im Krankenhaus den Folgen ihrer heftigen Krebserkrankung erlegen war, war es sehr ruhig geworden in einem Haus, in dem eigentlich immer jemand Musik gemacht hatte. Manchmal spielte sie zwei Stunden Klavier – nur so für sich. Oder er übte ein paar Griffe auf der Gitarre, um die Songs, die er seit Ewigkeiten nicht gespielt hatte, nicht zu verlernen. Sie sang auch im Chor, und er liebte es, die gelegentlichen Konzerte zu besuchen. Nach ihrem Tod war es nicht urplötzlich völlig still um ihn geworden, aber er spürte eine unbeschreibliche innere Leere. Gerade in den ersten Wochen kamen häufig Freunde und Verwandte vorbei, um ihm etwas Trost zu spenden, aber die meisten hatten genug mit sich und ihrem Leben zu tun. Manche hatten Angst, in der Unterhaltung vielleicht irgendetwas Falsches zu sagen, es wäre ihnen peinlich gewesen, und deshalb waren viele Treffen nicht so ungezwungen wie vorher. Er gab sogar manchmal vor, keine Zeit zu haben, wenn sich wieder jemand zum Besuch ankündigte. So kannte er sich gar nicht, denn es war immer schön gewesen, Leute um sich herum zu haben, gerade dann, wenn eigene Kinder fehlen. Doch nun war ihm das alles irgendwie zu viel. Man riet ihm zu einer Psychotherapie, um das Trauma des schmerzlichen Verlustes besser verarbeiten zu können. Er wollte aber nicht dasitzen und sich wie ein armes Würstchen vorkommen, bloß weil er jetzt allein war. Er hatte gewusst, dass es eines Tages einen von beiden erwischen würde, doch so sehr man sich auch auf etwas vorbereiten mag, so unerwartet trifft einen doch die Realität.

Ein ungewohnter Geruch der Pilze, die seit einigen Minuten in der Pfanne schmorten, waberte durch die Küche bis ins Esszimmer. Paul hatte schon ein Betäubungsmittel eingenommen, um die starken Bauchkrämpfe besser zu ertragen. Aber er hatte nicht geahnt, wie sehr es ihn innerlich zerreißen würde.

Als Sachverständiger war er schon das eine oder andere Mal ins Krankenhaus gerufen worden, um die Sporen einer Pilzart zu untersuchen, die zu einer tödlichen Vergiftung geführt hatten. In den meisten Fällen war die Leber dann schon zersetzt, denn nur in einem sehr kurzen Zeitraum ist eine Transplantation, die einzige lebensrettende Maßnahme, möglich. Er hatte viele Male dazu beigetragen, das Leben unvorsichtiger Pilzsammler, nach dem Genuss giftiger Arten, zu retten. Doch in den schlimmsten Phasen des Leidens war er nie dabei gewesen. Zwar wurde in Fachbüchern einiges beschrieben, aber man war ja nie selbst betroffen. Er wusste Bescheid über die Wirkung dieser Pilze, und dass es nicht lange dauern würde, aber er hatte auch etwas Angst davor. Doch zugleich breitete sich in seinem Kopf und in seinem Herzen ein unglaublich sanfter Gedanke aus: In wenigen Stunden würde er bei Hannah sein.

 

Vita Marc Heinz