Sein Fuß rutschte erschöpft und schwer von den Pedalen, als er oben auf dem steilen Hang angekommen war. Er fuhr sich mit dem Handrücken über die feuchte Stirn, die Augen geschlossen. Müde fiel seine Hand zurück auf ihren Platz am Lenker des grauen Fahrrads. Dessen matte Farbe erinnerte nur noch schwach an den einst silbrigen Schimmer. Das Keuchen, das unregelmäßig seine trockene Kehle verließ, war bereits ruhiger geworden, doch ächzten seine schmerzenden Lungen noch immer mühsam nach mehr Sauerstoff.

Es war seine zweite Woche in diesem Job. Erst die zweite Woche! Was hatte er sich dabei gedacht? Fahrradkurier? In Heidelberg? „Geld verdienen und sich das Fitnessstudio sparen“, hallte die unbesonnene Stimme der tückischen Erinnerung im hinteren Areal seines dickwandigen Schädels. Er war zum Studieren hierher gezogen: Kunst, mit Geschichte im Nebenfach. Ein Jahr und diverse Nebenjobs lagen seitdem hinter ihm.

Seine Nasenflügel blähten sich, und er pustete einen schweren Seufzer von den Lippen. Langsam hob er den Kopf, unter hartnäckigem Protest seiner Nackenmuskulatur. Er zögerte noch einen Moment, bevor er die Lider hob und das Licht durch die Wimpern auf die Netzhaut hereinbrechen ließ. Der fahle Schein der frühen Abendsonne blendete ihn nur flüchtig, weil die Wolkendecke schon den ganzen Tag tief am Himmel hing. Es war ein frischer Junitag, dem man anmerkte, dass er den späten Frühling nur schwer ziehen lassen wollte. Eine trübe Stille lag in der Luft, wie der fast unsichtbare Nebel später Stunden.

Elyas blinzelte und ließ den Blick über die Stadt schweifen, seine dunklen Augen schmal und nachdenklich. Von seinem Standpunkt aus wirkten die Gassen der Altstadt fern und beengend. Doch die Dringlichkeit der Lieferung in seinem Rucksack drückte beständig gegen sein Rückgrat. Kaum erklommen, musste er das Plateau wieder verlassen. Er fuhr mit den Fingern durch seine dicken Locken, erneut schwer seufzend, umfasste den Lenker und wollte gerade in die Pedale treten, als ein frischer Luftzug seine Nase umschmeichelte. Zarte Duftmoleküle strömten ihm zu, ein Fluss aus flüchtigen Teilchen, ein jedes seine Sinne federleicht streichelnd. Vereinzelte Sonnenstrahlen befreiten sich aus ihrem Exil der kühlen Wolken und leuchteten hellgolden am Horizont.

Der Zwanzigjährige löste die Hände vom Lenker. Erinnerungen überkamen ihn, wie der unerwartete Besuch alter Freunde. Nach und nach flackerten Bilder auf vor einer inneren Leinwand: Die kleine Hand am Rockzipfel seiner Mutter, das Geräusch von fließendem heißen Wasser und der süße Duft von Blüten. Das Kochen dieses Getränks, Tag um Tag, ein beständiges Ritual seiner Mutter, das er eine Weile mit ihr teilte. Anfangs mochte er es, denn es bedeutete Zeit, die er mit ihr verbringen konnte, doch mit jedem Jahr, das er älter wurde, nahm seine Zuneigung für den goldenen Tee mehr und mehr ab. Er trank ihn mitunter mit viel Zucker und Zitrone, doch mit den Jahren verlor auch dies zunehmend seinen Reiz. Das vierzehnte Jahr seines Lebens schließlich markierte das endgültige Ende der alten Gewohnheit.

Elyas sah sich am Schreibtisch sitzen, seinen schweren Kopf mit der Hand abstützend. Das Fenster am anderen Ende seines Zimmers war gekippt, doch die warme Frühlingsbrise erreichte ihn nicht. Er träumte von der Zukunft, die ihm nicht schnell genug kommen konnte. Er würde Comiczeichner werden, und alles, was er dafür brauchte, waren Papier, Bleistift und die Unendlichkeit seiner Imagination … Matheaufgaben hätten ihm gleichgültiger nicht sein können.

Der Junge baumelte mit den Füßen, derweil er unmotiviert tief einatmete. Der vertraute blumige und beinah aufdringliche Geruch weckte kurz seine Aufmerksamkeit. Er schielte hinunter zum Glas und beäugte kritisch die warme Flüssigkeit darin. Die Farbe des Getränks erinnerte ihn an die Bernsteinsammlung in der Vitrine des Biologieraums seiner Schule. Einige der Steine hatten kleine Insekten eingeschlossen, konserviert für die Ewigkeit. Der Junge stellte sich vor, wie kleine Fliegen aus dem Glas aufstiegen, und rümpfte die Nase. Seine Mutter hatte ihm den Tee gebracht, kurz bevor sie zur Spätschicht aufgebrochen war, einen warmen Kuss auf seine schwarzen Locken platzierend. Sie hatte gelächelt, als sie sein müdes Gesicht wahrgenommen hatte. „Die Aufgaben machen sich nicht von selbst. Trink den Tee und versuch es noch mal.“ Elyas schielte entnervt durch seine dichten Wimpern und rollte die Augen. Nun lachte seine Mutter und zauste ihm durch die Mähne. „Nur Mut, er wird dich stärken, glaub mir“, zwinkerte sie ihm zu. Doch war ihm an diesem wie auch an den folgenden Tagen ganz und gar nicht mehr nach Tee, und er ließ das Glas unbeachtet in der Ecke stehen, bis der Geruch langsam verflog.

Es war der gleiche vertraute Duft ferner Geborgenheit, den er auch an diesem Tag wahrnahm. Jahre waren seitdem vergangen, doch mit einem Mal war er wieder vierzehn. Elyas blinzelte und wandte sich energisch um. Sein Blick wanderte rasch umher und scannte Millimeter um Millimeter des Geländes. Nichts. Er wollte gerade aufgeben, als ihn erneut ein Windhauch erreichte. Jetzt war er sich sicher. Er spähte durch die Spalten eines morschen Holzzauns in einen Hinterhof. Und plötzlich entdeckte er ihn: Ein alter Lindenbaum wiegte sich sanft im Wind, mit seinen hellgelben Blüten, die zart an ihm hingen. Der Stamm war kräftig, und die Krone entfaltete sich elegant zu anmutiger Größe, während sich die kleinen Blüten zu zahlreichen duftenden Bouquets zusammenfanden. Es waren die gleichen Blüten, die sie Jahre zuvor in getrockneter Form aufzugießen pflegten, wobei sich das süße Aroma im goldenen Wasser entfaltete.

Wieder streifte eine Brise sein Gesicht, und Elyas fühlte, wie sein Herz heftig gegen die Brust schlug und sein Blut warm durch die Adern floss. Für einen Moment hörte die Welt auf, sich zu drehen, für einen Augenblick wich die Last von seinen Schultern. Und während sich all seine Sinne einzig auf den Baum hinter dem Zaun fixierten, erschien ihm plötzlich das Bild seiner Mutter, ihre ermutigenden Augen, sanft lächelnd, die rauen Hände, ein Glas Lindenblütentee umschließend … Erst in diesem Moment wurde ihm bewusst, wie lange er sie schon nicht mehr gesehen hatte, wie sehr er sie vermisste. Die Brust wurde ihm eng, und der Himmel verdunkelte sich.

Elyas schreckte auf und sah alarmiert auf seine Uhr. Er war spät dran, fast zu spät. Er ergriff den Lenker erneut, doch fester diesmal, entschlossener, und bevor er in die Pedale trat, atmete er den tröstlichen Geruch ein letztes Mal tief ein, mit dem Versprechen von Mut und Zuversicht auf den lächelnden Lippen.

 

Vita Elvan Akyüz