Da ist er wieder! Einer der Fäden, die sich durch mein Leben ziehen und zu einem der Knäuel gehören, die klein aber geliebt in einer Ecke schlummern. In unbeachteten Momenten tauchen sie wie aus dem Nichts an die Oberfläche und zaubern mir ein Lächeln ins Gesicht. Auch sie sind verantwortlich für die immer tiefer werdenden Falten um meine Augen und Lippen. Die Generation Y würde mir vermutlich die regelmäßige Anwendung einer Creme mit hochkonzentrierten Wirkstoffen und niedermolekularer Hyaluronsäure gegen diese Falten empfehlen. Unabhängig davon, dass man über die Unwirksamkeit solcher Produkte munkelt, würde ich doch allein durch den Versuch, meine langjährig und hart erarbeiteten Lachfältchen und -falten zu zerstören, wichtige Teile meines Lebens verleugnen. Ehrlich gesagt: Schön finde ich sie nicht, aber sie sind Zeichen meines Lebens und haben ihre Daseinsberechtigung. Entschuldigung, ich schweife ab von meinen ursprünglichen Gedanken.

Brombeerrot, das war das Stichwort. Und die Farbe der Winterjacke, die ich im Alter von vielleicht dreizehn Jahren an einem Ständer eines Kaufhauses in einer hessischen Großstadt hängen sah. Es war das erste Mal, dass ich mir mein Weihnachtsgeschenk im Vorfeld selbst aussuchen sollte und meine Mutter mir zuzwinkernd das Gefühl des Erwachsenwerdens gab mit den Worten: „Geh‘ du schon mal schauen. Wir treffen uns dann, und du zeigst mir, was du gefunden hast.“

Brombeerroter Breitcord im Casual Look, designed von einem Mode-Label, das noch heute seinen Sitz in Baden-Württemberg hat, und … sündhaft teuer!

„Teuer“, auch damals für Kinder ein hartes Wort, aber als Tochter zwischen zwei Söhnen normalverdienender Eltern durchaus im Sprachgebrauch. Da stand ich nun, verliebt in dieses brombeerrote Teil, nach günstigeren Alternativen suchend. Auch deshalb, weil Kleidungsstücke zumindest an den jüngeren Bruder vererbbar sein mussten, sofern es sich nicht gerade um Röcke handelte, die ich schon damals im Alltagsgebrauch eher als störend empfand. Dazu kam die Gewissheit, dass meine Mutter mit Sicherheit eine wirklich praktischere Lösung für ein dreizehnjähriges, auf dem Land lebendes und mit zwei Brüdern über Wald, Wiesen und Äcker streifendes Mädchen finden würde.

Meine Mutter muss es wohl gespürt haben: Es gab keine Alternative! Und sie machte mir eine Freude mit Brombeerrot (das in Wirklichkeit ein dunkles Altrosa war, aber vielleicht ließ sich damals die Farbe Brombeerrot besser vermarkten), das sich seitdem wie ein (brombeer)roter Faden durch mein Leben zieht. Nicht ständig präsent, aber immer wieder auftauchend. Wie die brombeerfarbene Wand in unserem Haus, für die kaum jemand Verständnis hat, mir aber immer wieder ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Die Wand, die schon so viele Jahre diese Farbe trägt und die ich eigentlich auch nicht verändert wissen will. Weil ich ihn liebe, diesen pudrigen, matten Farbton. Es ist nicht so, dass das meine Lieblingsfarbe wäre, aber anscheinend begleitet sie mich ein Leben lang und tritt in ungeahnten Momenten immer wieder in Erscheinung. Alte Liebe? Prägung?

Ebenso wie die Liebe zum Duft von Federnelken, deren Ursprung in einer Urlaubsreise mit meiner Großmutter nach Rumänien liegt – wieder so ein kleines, schlummerndes Bündel, das sich aus der Vergangenheit meldet und seinen Platz auch in der Gegenwart gefunden hat. Vielleicht zum Entsetzen vieler Blumenliebhaber bin ich der Meinung, dass Nelken zu den Friedhofsblumen par excellence gehören. Man muss sie mögen oder eben nicht. Ich brauche sie nicht zum Leben, diese langstieligen, gekräuselten Blüten, nichtssagend und geruchlos. Aber ich habe nach vielen Jahren festgestellt, dass ich eine kleine Schwester der Nelke tief in mein Herz geschlossen habe. Oder besser gesagt, ihren Geruch.

Ich durfte im zarten Alter von fünf Jahren meine Großmutter, die ihre deutschstämmigen Wurzeln im rumänischen Banat hatte, auf eine Urlaubsreise in ihre Heimat begleiten. Sehr aufregend für eine Fünfjährige, ein Land zu besuchen, das in den 1960ern in den ländlichen Regionen noch wie der Wilde Westen zu sein schien. Keine gepflasterten, geschweige denn asphaltierte Straßen, Wasser aus Schwengelpumpen in Gräben vor dem Haus. Keine Waschmaschine, stattdessen ein hölzerner Trog mit Waschbrett, in dem im Hof die Wäsche gewaschen wurde. Gänse, die zischend den Hof bewachten und mich, vor lauter Angst gebissen zu werden, so schnell laufen ließen, dass ich, wäre ich etwas älter gewesen, mit Sicherheit eine Urkunde bei den Bundesjugendspielen bekommen hätte. Und der Gang, den damals wohl alle Kinder mit ihren Großmüttern machen mussten, zu den verstorbenen Verwandten. Ich mochte sie nicht, diese Pflichtbesuche auf Friedhöfen. Doch in diesem Land war alles anders, so auch der Weg zum Friedhof. Uneingezäunt, wild, staubig und von unzähligen Blumen gesäumt. Umgeben von einem unglaublichen Duft, den ich nie beschreiben konnte und auch lange Zeit nie wieder gerochen habe. Viele Jahre später hatte ich diesen Duft wieder in der Nase, es war eine simple Federnelke, deren Geruch ich aufnahm und sofort mit diesen schönen Erinnerungen verband und nie vergessen werde.

Mein Garten ist ein anderer, aber es gibt darin eine Federnelke, deren Schönheit und Duft für mich diese einzigartige Bedeutung hat. Alte Liebe? Ja! Für mich ist es eine alte Liebe, wie Brombeerrot. Nur zwei meiner vielen alten Lieben, die dann und wann ihren Weg nach oben finden, mich zum Lächeln bringen und meine Fältchen tiefer werden lassen.

 

Vita Cordula Rinne