Liebe Lotte!

Leicht fällt es mir nicht, dir nach über sechzig Jahren zu schreiben, doch es muss einfach einmal gesagt werden, die Auseinandersetzung mit dir ist längst fällig.

Da liegst du nun bäuchlings auf dem Bett, haust wütend auf deine Kissen ein und schluchzt zum Erbarmen.

Wolltest du nicht immer studieren, am liebsten Germanistik? Deine Leidenschaft: Schreiben, Lesen und immer wieder einen Text nach dem anderen verfassen. Nichts ist aus dir geworden, hast alles vermasselt.

Deutsch war dein Lieblingsfach in der Oberschule gewesen, die glatte Eins war dir stets sicher. Aber jetzt in der 10. Klasse  als der Lehrer Valentin den Unterricht übernahm, hattest du dich schnell in Kampfstellung gebracht. Dieser von kommu­ni­stischer Ideologie durchtränkter Genosse, humorlos und pedantisch, war ein prädestinierter Intimfeind für dich.

Du warst nicht gewillt, seine stereotypen Phrasen nachzuplappern. Freies Denken, Widerspruch, Debatten mit These und Antithese war in dem Bildungsplan der Deutschen Demokratischen Republik nicht vorgesehen, es gehörte zum kapitalistischen System.

Von dieser Gesellschaftsordnung hattest du einen kurzen Einblick bei einem Aufenthalt im “Westen” anlässlich der Hochzeit deiner Schwester bekommen. Jeder hatte hier die Möglichkeit, seine Meinung lautstark herauszuschmettern. Erstaunt hörtest du, wie Leute über Adenauer herzogen, ohne dass jemand einschritt. Bei uns darf man kein Wort gegen Ulbricht sagen, ging es dir durch den Kopf. Dein westlicher Schwager hatte dich mit Parolen der Heimatvertriebenen gefüttert, du littest mit ihm unter dem Verlust seines elterlichen Hofes in Schlesien und kehrtest mit wirren Gedanken in die DDR zurück.

Ach, hättest du nur einen Menschen zum Reden gehabt Du bliebst allein mit deinen Gedanken, deinem Trotz gegen das kommunisti-sche Regime,dem Widerstand gegen deinen Lehrer Herrn Valentin.

Nachdem “Michael Kohlhaas” und “Minna von Barnhelm” nach Valentin’scher Art als knochentrockene Kost abgehandelt wurden, stand Heine mit “Deutschland Ein Wintermärchen” auf dem Lehrplan. Du mochtest Heines Lyrik, aber mit seinem Sarkasmus kamst du nicht zurecht. Mit deiner Meinung warst du nicht alleine, doch ehrlich gesagt, Lotte, es wäre gut gewesen, du hättest mal deine große Klappe gehalten! Die heftigsten Wortgefechte liefertest nur du dir mit dem Deutschlehrer.Nachdem ihr mit seiner eindeutigen Meinung infiltriert wart, gab Herr Valentin nun das Aufsatzthema bekannt: “Worin sind Heines patriotische Gesinnung und sein Verantwortungsgefühl gegenüber Deutschland zu erkennen?” Auf deine Frage hin: ”Dürfen wir unsere eigene Meinung schreiben ?”, lautete die Antwort des Lehrers: ”Natürlich, wenn sie begründet ist.” Voller Eifer hast du dich auf das Schreiben gestürzt, ein ganzes Heft Seite um Seite vollgekritzelt mit deiner fast unleserlichen Schrift. Heines Schmäh­­reden gegen Deutschland aus dem Land des Erbfeindes hast du dann mit dem provozierenden Schlusssatz von Ernst Moritz Arndt gekontert: ”So klinge die Losung: zum Rhein, über´n Rhein! Alldeutsch­land nach Frankreich hinein!”

Das war´s! Damit hast du dein Leben gegen die Wand gefahren. Du wirst ins Sekretariat gerufen, Entsetzen überfällt dich. Dein Aufsatzheft liegt auf dem Schreibtisch. Der Prozess beginnt, geführt vom Schulleiter, anwesend der Parteisekretär der Schule und der FDJ-Sekretär, seinem Verein hattest du allerdings nie angehört. Dein Herz rast wie wild, dein Kopf dröhnt, du würdest am liebsten fliehen. In die Enge getrieben wie ein angeschossenes Wild wehrst du dich mit Zähnen und Klauen. Die Fragen der Drei rasseln auf dich nieder: “Wie stehst du zu dem Klassenfeind im Westen?“

“Wie beurteilst du die beabsichtigte Vereinnahmung des Saarlandes durch die BRD?” Deine Meinung zur Oder-Neisse-Grenze ist gefragt. Du willst standhaft bleiben, nicht feige klein beigeben, und so bricht es aus dir heraus: ”Was deutsch ist, muss auch deutsch bleiben!”

Zwei Tage später sitzt du kotzelend in der Aula, die Schüler-voll­versammlung ist einberufen. Das Urteil wird gesprochen: Verweisung von der Schule wegen chauvinistischer, kriegshetzerischer Gesinnung. Du wirst nirgends in der DDR eine Chance haben, dein Leben hast du dir zerstört.

Du schlurfst wie betäubt die Straße des Friedens entlang, über den Marktplatz. Dort standen vor einigen Monaten noch die sowjetischen Panzer. Sie mussten die Bevölkerung vor dem vom Feind im Westen aufgewie­gelten Mob schützen. “Die Partei, die Partei, die hat immer Recht” dröhnt es auf dem Heimweg in deinem Kopf. Du schleichst durch den Flur die Treppe hoch in dein Zimmer, wirfst dich aufs Bett, schlägst wild auf die Kissen ein und schreist dir die Wut aus der Seele. Das Kopfkissen ist nass, als du dich wieder aufraffst.

Wie viele Irrwege bist du später noch gegangen? Dein Trotzkopf war nicht immer ein guter Ratgeber.

Ich überlege. Was würde ich heute tun, wenn ich noch einmal so jung wäre wie du? Würde ich meine große Klappe halten? Aber wäre ich dann noch Ich?

Ach, Lottchen, ich habe mich jetzt ausgesöhnt mit dir.

Alt bin ich und sehr müde. Ich blicke zurück, es war trotzdem gut, mein Leben, so wie es war, ein anderes hätte wohl auch nicht zu mir gepasst.

So, jetzt kannst du wieder in der Versenkung verschwinden, und da kannst du auch bleiben,

Charlotte

 


 

 

Ursula Kubik

Ich wurde am 11. Februar 1937 als dritte Tochter des Pfarrers Gerhard Müller in der Altmark geboren.

Hier verbrachte ich auch meine Schulzeit, bis ich in der damaligen DDR von der Schule verwiesen wurde.

Ich begann eine Ausbildung als Gemeindehelferin, die ich erfolgreich abschloss. Nach einem Jahr im kirchlichen Dienst entschloss ich mich mangels anderer Alternativen für den Beruf als Krankenschwester. Als ich das Examen bestanden hatte, heiratete ich und ging mit meinem Mann 1961 in die Bundesrepublik. Hier war ich als berufstätige Mutter von drei Kindern voll ausgelastet. Mein erster Mann starb kurz nach der Geburt des dritten Kindes.

Nachdem die Kinder aus dem Haus waren, konnte ich mich wieder mehr meinem Hobby, dem Schreiben, widmen. So entstanden auch zwei Kinderbücher für meine Enkel, die ich Anfang des neuen Jahrtausends veröffentlichen konnte.