Hallo du und hallo ich.

Ein Foto liegt vor mir. Seit geraumer Zeit schaue ich es an.

Ein Haus ist darauf, das Haus, in dem ich aufgewachsen bin. Wenn ich genauer hinschaue, sitzt ein junges Mädchen auf der Treppe vor der Haustür und daneben steht, angelehnt an den hellen Klinker der Hauswände, eine ältere Frau. Graue Strähnen rahmen ihr Gesicht ein.

Das Mädchen ist vielleicht sechzehn, doch es sieht viel jünger aus. Es hat einen Rock an und Kniestrümpfe, die Haare sind kurz geschnitten und mit einem exakten Scheitel zur Seite gekämmt. Viel Kindliches ist in ihrem Gesicht, anders als bei den Jugendlichen heute.

Sekundenlang starren die beiden sich an. Abschätzend, sich gegenseitig taxierend.

„Hallo“, sagt die Frau.

Das Mädchen zögert. „Was soll ich jetzt antworten? Hallo du? Hallo ich?“

Die Ältere zuckt mit den Schultern.

„Was willst Du überhaupt?“

„Ich möchte mit dir reden.“

Das Mädchen kneift die Augen zusammen. „Worüber?“

„Über die Zeit, die vielen Jahre, die vergangen sind.“

„Ich weiß nicht, ob ich das hören will“, sagt die Junge mit einem bockigen, widerspenstigen Unterton in der Stimme.

Die Frau nickt und wartet erst einmal ab. Doch als sich das Mädchen nicht rührt, stößt sie sich von der Wand ab und dreht sich um, als wolle sie sich entfernen.

Da sprudelt es plötzlich aus der Jüngeren heraus. „Warte“, sagt sie, „jetzt interessiert es mich doch. Das mit den vergangenen Jahren. Erzähl doch mal, für welchen Beruf ich mich entscheide. Komme ich raus aus diesem Kaff? Wen heirate ich und wie ist es mit Kindern? Junge, Mädchen? Wie heißen sie?“

„Mal langsam“, sagt die Frau lächelnd, „ich kann dir doch nicht dein Leben erzählen.“

„Nicht?“, sagt die Jüngere enttäuscht.

„So’n Quatsch! Namen, Fakten, Zahlen, davon kriegst du von mir garantiert nichts zu hören.“ Sie atmet tief ein. „Über Entscheidungen möchte ich reden, über die Punkte, wo das Leben sich gabelt und du den einen oder den anderen Weg einschlagen musst. Über die richtige und falsche Wahl.“

Voller Misstrauen schaut die Junge sie an. „Du willst mir was von richtig und falsch erzählen? Du spinnst wohl?“

Die Frau ist verunsichert, streicht sich mit den Händen die Haare hinter die Ohren.

„Was glaubst du, was ich den ganzen Tag zu hören bekomme.“ Das Mädchen stockt. „Aber wem erzähle ich das. Du musst es doch schließlich wissen, oder hast du alles vergessen?“

Die Frau hebt verteidigend die Hände. „Ich wollte dir doch nur …“

„Wie siehst du überhaupt aus?“, fragt das Mädchen und verschränkt die Arme vor der Brust. „Wem gehört die Hose, die du anhast?“

„Die olle Jeans?“

Mit einem Mal rückt das Mädchen näher an sie heran, betrachtet intensiv das Gesicht der Frau. „Ganz schön viele Falten, was?“

„Kann man wohl sagen. Mit jedem gewonnenen und verlorenen Match sind welche dazugekommen.“

Das Mädchen schmunzelt. „Du spielst noch Tennis?“

Die Frau nickt.

Das Mädchen geht noch einen Schritt auf sie zu. „Hör mal“, sagt sie, „vielleicht interessiert es mich doch. Das mit den richtigen und falschen Entscheidungen, meine ich.“

Die Ältere freut sich. „Womit soll ich denn anfangen?“

Das Mädchen überlegt. „Mit den Sachen, die nicht so gut gelaufen sind.“

„O.k. Also die erste wirklich blöde Fehlentscheidung …“

„Kommst du jetzt endlich wieder rein?“, ertönt da eine mir bekannte, ziemlich genervte Stimme von drinnen. „Was machst du denn die ganze Zeit vor der Tür? Der Korb mit Bügelwäsche steht hier noch immer in der Küche, du hast ja noch nicht mal damit angefangen.“

Das Mädchen rollt mit den Augen. Sie schaut noch einmal ihr Gegenüber an, ernst und eindringlich, dann dreht sie sich um und verschwindet im Haus.

„Zu Mama wollte ich dir eigentlich auch noch was sagen“, murmelt die Ältere, „aber ich glaube, so ist es wohl am besten.“

 

Ich muss eingeschlafen sein, denn ich liege auf dem Sofa, halte das Foto von meinem Elternhaus in der Hand. Außerdem noch einen Briefbogen mit den Worten: Hallo du, hallo ich.

 


 

Ulrike Engels-Koran

Geburtsjahr 1958. Das Schreiben kam erst spät in mein Leben, vielleicht lebe ich deshalb auch am Niederrhein, weil dort die Uhren etwas langsamer laufen. Ich bin im Duisburger VHS-Online Schreibforum tätig und denke mir dort am liebsten Kurzgeschichten für Kinder und Erwachsene aus.