Brief von Susanne Horn

Hallo mein ehemaliges jugendliches ICH,

früher habe ich Dich mal gehasst! Mittlerweile bin ich Dir für unseren gemeinsamen Weg dankbar!

Du weißt nicht, wovon ich spreche? Hast Du es wirklich vergessen, was wir gemeinsam erlebt haben? Dann helfe ich Dir, Dich zu erinnern.

Unsere Kindheit verlief in den ersten sechs Lebensjahren völlig normal. Wir spielten draußen und kannten alle Kindersendungen wie „Heidi“, „Die Strolche“, „Dick und Doof“ und wie all die Sendungen hießen.

Kurz nach der Einschulung begann der Kampf gegen das Anderssein. Das Fach Deutsch bereitete uns extreme Schwierigkeiten. Der Schulalltag wurde schon bald zur Qual. Ich fühlte mich anders und dumm. Warum konnten Du und ich die einfachsten Wörter nicht richtig schreiben, egal wie viel wir übten?

Dank unserer Lehrerin Frau Ulrich und ihrem Einsatz wurde irgendwann die Ursache gefunden. Nach einem langwierigen und anstrengenden Test diagnostizierte man eine Lese- und Rechtschreibschwäche, auch LRS (Legasthenie) genannt. Darum lasen wir die Wörter nicht bis zum Ende, und die Buchstaben in unseren Wörtern machten, was sie wollten.

Als der Schulalltag unüberwindbar für uns wurde, entschlossen sich meine Mutter und die Schulleitung, dass wir die erste Klasse wiederholten.

Kann man wirklich so dumm sein? Kannst Du Dich noch an die Blicke der MitschülerInnen und an die Hänseleien erinnern? Ich war total unglücklich und begann mein ICH zu hassen. Ich empfand mich als dumm und pummelig.

Nach ein paar Wochen in der neuen Klasse gab es einen kleinen Lichtblick. Der Lehrstoff fiel uns tatsächlich leichter, und das angeknackste Selbstbewusstsein richtete sich wieder ein wenig auf.

Während der weiteren Schullaufbahn war immer wieder lernen, lernen und nochmal lernen angesagt. Meine Mutter unterstützte uns liebevoll. So manches Schulheft hatte nur noch wenige Blätter, weil wir die Seiten mit allzu viel Fehlern oder die, die von Tränen unlesbar wurden, ausrissen.

Oft mussten wir üben, wenn andere Kinder draußen spielten. Sie drehten mit ihren Rollschuhen Kunststücke, spielten Gummitwist, Blinde Kuh und viele andere Spiele.

Ab der dritten Klasse mussten wir einmal die Woche mit dem Bus zur Nachhilfe fahren. Unsere zwei Leidensgenossen bei dem Förderunterricht waren noch ärmer dran als wir. Sie hatten noch viel größere Probleme. Wobei ich glaube, sie litten unter ihrem Handicap nicht so sehr wie ich. Lag es daran, dass es Jungs waren? Oder lag es daran, dass ich unbedingt lesen und schreiben wollte?

Paradoxerweise habe ich schon immer gerne gelesen und geschrieben. In meinem Zimmer spielte ich am liebsten Schule. Allerdings nur mit mir alleine, denn keiner sollte über meine Fehler lachen.

In der dritten und vierten Klasse wurden wir von der Deutschnote im schriftlichen Teil befreit. Es wurde nur der mündliche Inhalt bewertet, und somit stand endlich mal keine fünf im Zeugnis.

Ich habe mich für meine Schwäche geschämt. Auch wenn meine Mutter mir immer beistand, wusste ich sehr wohl, dass sie sich Sorgen machte. Was sollte aus mir werden? Würde ich einen Schulabschluss schaffen?

Mit viel Disziplin schafften wir es auf die Realschule und absolvierten dort auch unseren Abschluss. Nach unzähligen Absagen auf meine Bewerbungen bekamen wir letztendlich eine Lehrstelle als Fleischfachverkäuferin. Dort wurde Lesen und Schreiben nicht in Perfektion benötigt.

Es war nicht mein Traumberuf, aber wir machten das Beste draus. Ich wollte den Traum, im Büro zu arbeiten, nicht aufgeben. Die Lehre schlossen wir als Innungsbeste ab, und nach einem halben Jahr als Gesellin schafften wir den ersehnten Sprung ins Büro.

Von da an blieb ich immer im Büro tätig. Ich lernte meine Schwäche zu umgehen und auszugleichen. Man stelle sich vor, dank meiner netten Vorgesetzten und KollegInnen war ich zeitweise sogar als Alleinsekretärin tätig. Das Schreiben, die Ablage und das Betreuen von Projekten machte mir immer viel Spaß.

Mittlerweile bin ich erwachsen, und ich denke immer wieder an unsere gemeinsame Zeit zurück. Seit der Geburt meiner ersten Tochter bin ich nun zu Hause. Dem Schreiben bin ich immer treu geblieben. Sei es, dass ich gerne meinen Freunden und Verwandten Briefe schreibe oder irgendwann anfing, Geschichten zu schreiben.

Mittlerweile wage ich es, mich Hobbyautorin mit Handicap zu nennen. Ich liebe es, Pferdegeschichten zu schreiben. Aber auch ein sehr ernstes Thema liegt mir am Herzen. Durch den Verlust meiner Mutter, die sehr litt, bis sie der Tod erlöste, möchte ich jetzt meine Mitmenschen wachrütteln. Jeder sollte über den Tod nachdenken und wissen, was zu tun ist, um die Möglichkeit zu erhalten, würdevoll zu sterben.

Weißt Du jetzt, warum Du mich so stark gemacht hast? Ohne den steinigen Weg, ohne das Gefühl, nicht dazuzugehören, hätte ich nie gelernt, für meine Träume zu kämpfen und zu meinen Meinungen zu stehen. Ich danke Dir von Herzen!

 


 

Susanne Horn

Mehr Informationen über die Autorin finden Sie auf:

www.susannehorn.jimdo.com
www.wuerdevollsterben.jimdo.com