Philosophische Pickelbetrachtung

Liebes Ich,

bestimmt erstaunt es dich, dass du einen Brief von einer 55-Jährigen aus der Zukunft bekommst. Was will mir die alte Frau denn sagen, fragst du. Und wer ist sie? Tja, meine Süße, ich habe gute und schlechte Nachrichten für dich: Ich bin du. Und gestern fiel mir plötzlich ein, wie du als 15-Jährige auf eine Party eingeladen warst, auf der du deinen großen Schwarm treffen würdest. Du hast tagelang Klamotten anprobiert und vor dem Spiegel zur Musik von den Bay City Rollers lässige Posen geübt. Aber dann konntest du nicht hingehen, weil morgens ein fetter Pickel auf deinem Kinn blühte. Es war furchtbar. Das Ende der Welt. Du lagst den ganzen Abend heulend auf deinem bzw. meinem Bett und wolltest bloß noch sterben. Ich kann mich deshalb so gut erinnern, weil ich vor sechs Monaten noch mal den Gedanken hatte: Ich möchte sterben. Mein Mann ist tot umgefallen. Er, die Liebe meines Lebens, hat mich nach zwanzig glücklichen Jahren von einer Sekunde auf die andere für immer verlassen. Einfach so. Ohne Vorzeichen. Es war das Ende meiner Welt. Ich habe nach einigen Wochen gemerkt, dass ein Leben ohne ihn sinnlos ist. Und mir einen Baum ausgesucht, auf den ich frontal mit Vollgas fahren würde. Gestern wollte ich es tun. Ich saß schon hinter dem Steuer und warf einen letzten Blick in den Rückspiegel. Irgendwie hatte ich einen Flashback – meine Haut ist vollkommen ok. Aber ich musste plötzlich an Pickel denken. Und dann bist du mir eingefallen. Wie schlimm das damals alles für dich war. Wie du geglaubt hast, dass dir nie im Leben etwas Furchtbareres passieren könnte. Dass du nie mehr so unglücklich sein könntest. Ich bin auf den nächsten Parkplatz gefahren und habe erst mal geheult. Ich weiß nicht, ob ich mehr Tränen wegen meines Mannes vergossen oder einfach nur um dieses junge Mädchen geweint habe. Dieses dumme, naive, arrogante, oberflächliche, liebevolle, drollige, herzliche Geschöpf, das geglaubt hat, die Welt könne man in Gut und Böse einteilen. Dass man den Hunger bekämpft, indem man einfach alle Lebensmittel weltweit verteilt. Dass man von Petting nicht schwanger wird und das “Erste Mal” sensationell ist. Und dass alle Leute auf einen Pickel starren. Und plötzlich habe ich gespürt, wie sehr ich dich mag, du unmögliches Geschöpf. Ich weiß, was alles in den Jahren auf dich zukommen wird. Ich kenne jede Enttäuschung, jede verlorene Illusion, jede Krankheit. Und deswegen gönne ich dir deinen Kummer über den Pickel. Weil ich weiß, dass er dich auf größere Dinge vorbereiten wird.

Ja, es ist furchtbar, einen Pickel zu bekommen. Wenn man fünfzehn ist, bedeutet es das Ende der Welt. Aber, weißt du – dein Pickel hat mir gestern das Leben gerettet. Weil ich nun weiß, dass es weiter geht. Irgendwie. Vielleicht schreibt mir in vierzig Jahren mein künftiges Ich einen Brief, abgeklärt und voller Weisheit, einen Brief aus einem Pflegeheim. Oder verzweifelt und hoffnungslos aus den Trümmern der heute bekannten Zivilisation. Weil mittlerweile der dritte Weltkrieg ausgebrochen ist oder Außerirdische die Erde unterjocht haben. Oder amüsiert und bestens aufgelegt, weil es gelungen ist, menschliche Gehirne in supersexy jugendliche Körper zu verpflanzen, und ich dann aussehe wie die 20-jährige Brigitte Bardot. Ohne Pickel. Was sein wird – ich weiß es nicht. Ich weiß nur eins: Heute lebe ich.

 


 

Marina Heidrich

lebt in Backnang, in der Nähe von Stuttgart. Seit vielen Jahren arbeitet sie als freie Journalistin für diverse Zeitungen. Sie ist das Kind einer schwäbischen Mutter und eines toskanischen Vaters und veröffentlicht seit fünf Jahren Erzählungen, Gedichte und Kurzgeschichten, die teilweise prämiert wurden. Neben ihrer Liebe zur Literatur hat sie eine zweite große Leidenschaft: In der regionalen Musikerszene des Rems-Murr-Kreises zählt sie als Sängerin mit ihrer Band zu den Urgesteinen des Hardrock und tritt auch heute noch regelmäßig auf. Punk im Herzen, Rock in der Stimme und Arthrose in den Knien …

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