Zurück zu sich selbst

Hallo alter Freund, Schmierzettel meines Ichs. An einem Tag noch selbstbewusst und fest entschlossen, es mit dem Rest des Lebens aufzunehmen, am nächsten Tag zurück in der Komfortzone des elterlichen Rats. Verunsichert durch die schier unbegrenzte Zahl an Wegen in Richtung Zukunft und die Frage, was der Rest des Lebens eigentlich von dir erwartet. Wem stehst du da gegenüber? Freund oder Feind? Doch eines ist klar: Weitreichende Entscheidungen müssen getroffen werden. Wünsche und Hoffnungen eines heranwachsenden Kindes in den Fesseln einer Welt der Vernunft. Während du mein Wohl fest im Blick hast, vernachlässigst du das, was dir selbst am wichtigsten ist: das Leben selbst. Woher sollst du wissen, wie du dieses Leben führen willst, ohne es vorher zu kennen. Niemand sagt dir, welche Fehler die falschen sind und welche sich als die richtigen entpuppen. Und das ist gut so. Das einzige, was du tun kannst – tun solltest –, ist, einen Schritt vor den anderen zu setzen, in der Hoffnung am Ende dort anzugelangen, wohin du dich selbst führen wirst. Vorgegebene Routen münden lediglich in immer gleichen Zielen, prägen die Monotonie der Charaktere einer Gesellschaft, die für übermorgen lebt, und lassen dich durch das Leben hetzen, ohne nach links und rechts zu schauen, um den Moment in sich aufzunehmen. Was eine Zeitverschwendung, dröhnt es aus allen Himmelsrichtungen. Völlig desorientiert rekalibrierst du deinen Kompass im Sinne dieser Lebensanschauung. Ein weiteres kleines Schiffchen im Strom konvertierter, entfremdeter Seelen. Auf der Suche nach gesellschaftlicher Anerkennung, Macht und Geld, wovon du dir innere Vervollkommnung durch Respekt vor deinen Fähigkeiten und deiner Disziplin verhoffst, findest du nur Leere. Fehlgeleitete Disziplin setzt dir Scheuklappen auf und lässt dich vor dir selbst erblinden. Du bleibst auf der Strecke, während du dein Ich für diese Ziele hergibst, zu denen du keinen Bezug hast, weil du selbst nicht deren Ursprung bist und nicht aus deinem Inneren heraus mit ihnen wächst. Lediglich ein kurzzeitiges Befriedigen deines Ehrgeizes. Eine Endorphininjektion, die niemals bis zu deinem Ich vordringen wird. Für immer oberflächlich. Für immer leer. Nimm diesen Rat von deinem alten Mann an, denn ich weiß, wohin das alles führen wird: Brich aus dem ambitionierten Trott deines Alltags aus und stürze dich ins Leben. Mitten hinein. Fülle Gedanken mit Helium und lass sie weit über deinen Tellerrand hinausschweben. Schwelge in diesen Realitäten des Unerreichbaren, bis du dich dort wie zu Hause fühlst und sie mit der Zeit immer greifbarer werden. Träume sind die Blaupausen deines Glücks, der Spielplatz deines Ichs. Probiere dich selbst aus. Wachse, wie eine Pflanze in der Schwerelosigkeit, in alle Richtungen und entscheide dich erst danach für die Gravitation, der du zu folgen bereit bist. Doch das Wichtigste ganz zum Schluss. Lass dir von niemandem vorschreiben, wie dein Leben auszusehen hat, nicht einmal von mir. Auch wenn andere dir Gegenteiliges einreden wollen, du hast alle Zeit der Welt, deine eigene Gravitation zu finden. Nur sie allein ist fähig, deinem Ich eine Richtung zu geben und es weiterzuentwickeln. Ob es sich dabei um eine Lebensweise, etwas Materialistisches oder einen Menschen handelt, bleibt dir überlassen. Entscheide nicht voreilig. Zwischen dir und mir liegen noch so viele Jahre. So viele Pläne, Planlosigkeit, neue Pläne. Neugier. Herzrasen. Bittere Enttäuschung, Angst und Verlust. Doch vor allem sind es Möglichkeiten. Möglichkeiten, die du nicht vergeben, sondern allesamt ausleben solltest. Der Fehler meines Lebens war es, mich zu früh auf die gradlinigen Schienen in Richtung Zukunft zu begeben, mich selbst aller Möglichkeiten zu berauben.

Tue mir den Gefallen und folge mir nicht auf diesem Pfad.

In Liebe,

der Mann, der du nicht bist.

 


 

 

Marc Juraschitz

Als Student der Naturwissenschaften suche ich kreativen Ausgleich im Schreiben. Kurzgeschichten, moderne Gedichte oder Ideen für ein Buch, das ich hoffentlich in nicht allzu weiter Zukunft anfange zu verfassen. Ich genieße Momente der Einsamkeit in der Natur genauso wie gelegentlich gesellige Abende im Kreise meiner Freunde und von Menschen, die man anschließend zu seinen Freunden zählen kann. Seit meinem neunmonatigen Aufenthalt in Neuseeland kann ich ein neues Hobby zu meinen bevorzugten Freizeitaktivitäten zählen: das Wandern. Dem werde ich von nun an im Süden Deutschlands vermehrt nachgehen. Eine vorzügliche Möglichkeit, seine Gedanken zu ordnen und anschließend zu Papier zu bringen.