Meine liebe Maja,

wahrscheinlich liegst du gerade am See und liest Sophies Welt, um danach mit Dreadlock-Philipp über Platons Höhlengleichnis zu diskutieren. Lass dir den Joint dazu ruhig schmecken. Genieß das Rauschen des Transistorradios, den Bratwurstwind, das glucksende Lachen aus Kindermündern.

Ja, du hast richtig gehört, Kinder sind gar nicht so schlimm. Du hast jetzt sogar selbst zwei. Ich weiß, dass du nie Kinder haben wolltest, du wolltest überhaupt nicht alt werden, für immer irgendwo zwischen Pippi Langstrumpf und Kurt Cobain sein, alt genug, um sich Zigaretten und Schaumwein im Supermarkt zu kaufen, aber jung genug, um nicht erwachsen sein zu müssen.

Oscar Wilde sagte einmal, die Jugend sei verschwendet an die Jugend. Vielleicht hat er recht, vielleicht ist es aber auch nur der Neid, der aus einem Erwachsenen spricht, wenn der Körper altert, sich silberne Fäden ins Haar schleichen, die 28 Urlaubtage im Jahr aufgebraucht sind. Einmal jung sein mit dem Wissen und Selbstbewusstsein von jetzt, sagen wir Erwachsenen gerne bei einem Glas Wein.

Ja, auch ich.

Aber was würde ich tun, wenn ich wieder du bin?

Wieder bauchfrei tragen, auf noch mehr Partys gehen, noch mehr Jungs kennenlernen?

Mir gefällt es eigentlich besser, wenn du im Gras liegst und über die Welt nachdenkst.

Die Jungs, die du nicht geküsst hast, habe ich bereits wieder getroffen, die Partys, die du verpasst hast, habe ich gefeiert, und eine Weile konnte ich sogar bauchfrei tragen.

Also, keine Panik. Du machst das schon richtig!

Ich gönne dir deine ahnungslose Jugend, weil Ahnungslosigkeit zur Jugend dazugehört, sie gibt dir das Gefühl, alles verändern zu können, was du nur willst.

Nun sei doch nicht sauer, liebe Maja, Ahnungslosigkeit ist doch etwas Gutes, ich würde sie mir auch manchmal wünschen.

Was meinst du, es müsste eigentlich andersherum heißen?

Das Erwachsensein ist verschwendet an die Erwachsenen?

Ja, klar kann ich wählen gehen, ich könnte sogar selbst eine Partei gründen, wenn ich möchte, sicher, ich könnte mich auch für den Umweltschutz engagieren, eine Photovoltaikanlage aufs Dach bauen lassen, keine Plastikverpackungen mehr kaufen, weniger elektronische Geräte benutzen, ja das könnte ich alles tun, ich weiß, dass es der Erde nicht gut geht.

Nun sei doch bitte nicht so idealistisch, Maja.

Klar könnte ich Obdachlose bei mir wohnen lassen, wenn ich wollte, ich könnte mir auch einen Hund aus dem Tierheim holen und mein restliches Geld im Monat für wohltätige Zwecke spenden und jeden Montag eine Demonstration für den Weltfrieden organisieren. Oder ich könnte mir so viele Tattoos stechen lassen, wie ich möchte, ich weiß, dass du Tattoos sehr magst, eine unter die Haut gestochene Geschichte, deine Geschichte, unsere Geschichte (Aber das mit dem blauen Seepferdchen am Knöchel, das musst du mir noch mal erklären, was das mit unserer Geschichte zu tun hat? Und wie man zu einem Tätowierer gehen kann, der Zimbo genannt werden möchte. Zimbo, das ist eine Wurstmarke, verdammt!).

Was meinst du damit? Warum ich all das nicht mache, jetzt wo ich erwachsen bin?

Lass uns doch lieber über dich reden. Schließlich möchte ich ja meinem jugendlichen Ich etwas sagen und nicht andersherum.

Ich weiß, das findest du jetzt wieder unfair.

Komm, das ist jetzt aber auch nicht fair! Ich bin überhaupt nicht so wie alle Erwachsenen. Ich bin nicht schuld, dass du kein Selbstbewusstsein hast. Ich kritisiere überhaupt nicht an dir herum, und vorschreiben möchte ich dir schon mal gar nichts, jetzt hör aber bitte mal auf. ICH BIN IMMER NOCH DU!

Mensch Maja, jetzt lass uns doch nicht streiten. Du hast doch so einen schönen Tag am See. Sophies Welt habe ich mir übrigens neulich auf dem Flohmarkt am Leineufer gekauft, ich lese es jetzt mit unseren Kindern, wir machen Schattentiere an die Tapete und reden über die Welt der Ideen.

Und Philipp habe ich auch wieder getroffen, er hat jetzt eine Kurzhaarfrisur, eine Frau und ein Baby. Ich glaube, er hat Philosophie studiert.

Nein, du sollst nicht mit ihm zusammenkommen, diskutiert über Platon und raucht einen zusammen. Er ist, denke ich, ziemlich glücklich dort, wo er angekommen ist.

Und du übrigens auch.

Du willst in Ruhe weiterlesen?

Was denn jetzt diese ach-so-wichtige Botschaft ist, die ich für dich habe?

Vielleicht, dass du lieber Sonnencreme benutzen solltest, mit Lichtschutzfaktor 50, bitte. Du wirst nämlich mal schwarzen Hautkrebs bekommen. Nein, keine Sorge, es war nur ein kleiner Leberfleck am Zeh, der ist längst rausgeschnitten.

Sonst möchte ich dir eigentlich gar nichts mehr sagen.

Ich möchte dir auch nichts mehr schreiben.

Ich möchte mit den Kindern an den See gehen und darüber nachdenken, wie ich aufhören kann, mein Erwachsensein zu verschwenden.
Hochachtungsvoll,

Deine Maja Loewe

PS: Kannst du bitte bei der Auskunft die Nummer von Eike Pilger erfragen? Sag ihm unbedingt, dass er seine Masters-of-the-Universe-Figuren nicht weggeben darf.

Die sind jetzt ein Vermögen wert.

Wer Eike Pilger ist?

Dein Mann!

 


 

Maja Loewe

Die Autorin wurde 1977 in Lübeck geboren. Am Meer entdeckte sie die Sehnsucht nach der Ferne und dem Schreiben. Sie machte das Abitur, lernte in einem kleinen hanseatischen Betrieb, packte die Koffer, servierte Orangensaft über den Wolken und führte Touristen durch Venedig. Nach dem Studium der Kulturwissenschaften an der Universität Hildesheim zog sie nach Hannover. Dort lebt sie mit ihrer Familie, Arbeit und der Liebe zur Literatur.

Sie veröffentlichte in verschiedenen Literaturzeitschriften, ist Preisträgerin des Hildesheimer Lyrikwettbewerbes 2014 und schaffte es mit ihrer Kurzgeschichte »Das Glück ist ein Vogel« in die Anthologie des MDR Literaturpreises 2015. Ihr Romandebüt „Die Augen des Iriden“ ist für den Deutschen Phantastik Preis 2016 nominiert.