Brief von Kirsten Braselmann

Hey, meine Kleine,

wahrscheinlich störe ich Dich gerade, während Du mit dem Rücken an der Heizung sitzt und liest – links neben dem Schrank, hinter dem Du die Chipstüte lagerst.

In mehr als zwanzig Jahren verbringst Du Teile Deiner Freizeit immer noch ganz ähnlich, aber inzwischen ziehst Du Bett oder Sofa vor, und verstecken musst Du auch nichts mehr.

Im Großen und Ganzen hast Du eigentlich keinen großen Unsinn gemacht, und da ich heute sehr glücklich bin, werde ich Dich nicht bitten, etwas zu ändern – das verfälscht sonst noch das Ergebnis.

Vielleicht hab ich aber ein paar Tipps für Dich und Dinge, die Dir Mut machen. Zunächst: Nimm Dir Christine und Tim nicht so zu Herzen. Das sind miese kleine Klassentyrannen, die aber immer nur so viel Macht haben, wie Du ihnen einräumst. Lass sie einfach links liegen. Du wirst dann vielleicht erst etwas allein sein, aber das hat Dir ja noch nie Probleme bereitet. Christine wird noch in der Oberstufe die Schule wechseln, weil sich der Wind für sie früh dreht. Und Tim, noch immer im Pullunder, ist heute so ein fieser kleiner Marketing-Terrier. Passt perfekt.

An einem heißen Frühsommernachmittag wirst Du Jana besuchen und schrecklich aufgeregt sein, wenn sie in einem Getränkemarkt ein paar kleine Fläschchen mitgehen lässt. Kleiner Tipp: Trink die nicht, die schmecken zwar nach Karamell und Pflaume, aber da ist Alkohol drin. Zwar musst Du wegen des blutigen Fahrradunfalls danach am nächsten Tag nicht zu den Bundesjugendspielen, aber die Narbe am Knie ist noch immer da. Sie wechselt die Farbe zu Lila, wenn mir kalt ist.

Apropos Narbe: Ich wage nicht, Dir zu raten, in der Oberstufe nicht den Skikurs zu belegen. Die Woche ist einfach zu gut, und all Deine Freunde sind dabei (Du hast sehr enge Freunde in der Oberstufe!). Vielleicht solltest Du aber darauf achten, nicht neben Janet im Lift zu sitzen. Kann sein, dass Du so um den Kreuzbandriss umzu kommst. Die Narben sind ein bleibendes Andenken. Am anderen Knie, versteht sich.

Für die Liebe kann ich Dir nichts raten, da musst Du einfach durch. Eine Zeit lang wird Deine Lernkurve dem EKG eines Toten gleichen, aber schließlich wird Dir aufgehen, dass hinter der harten Schale eines beziehungsunfähigen Arschlochs oft tatsächlich ein beziehungsunfähiges Arschloch steckt. Du wirst suchen, stolpern, hinfallen, wieder aufstehen und weitersuchen, und schließlich wird es sich lohnen. Versprochen. Er ist fantastisch. 🙂

Du hast später wundervolle Freunde, über die Du sehr froh sein kannst. Hast Du jetzt gerade das Gefühl, dass da niemand ist, der wirklich passt, dann sei nicht traurig: Das findet sich. Du wirst ein sehr krasses Ende einer Freundschaft erleben, aber auch das ist unabwendbar. Wenn es passiert, sei nicht mutlos: Es wird danach alles besser. Vergiss nicht, Deine Bindungen zu pflegen, egal, wo die Leute sind! Eigentlich kriegst Du das ganz gut auf den Schirm, aber Du könntest Dich früher wieder bei Clau melden, wenn es so weit ist. Schreib Dir das auf, Du wirst sie erst in etwa acht Jahren auf der Damentoilette bei einem Metalkonzert kennenlernen.

In etwa fünf Jahren wird Herr Redetzky euch anbrüllen, dass ihr alle viel dankbarer sein solltet und euch zurücksehnen werdet, weil die Schule die schönste Zeit eures Lebens ist. Du wirst da schon vermuten, dass der Mensch Stuss redet, und hast völlig recht: Du weinst der Schule keine Träne nach, die wird Dir, abgesehen von dem Zusammensein mit Deinen Mitschülern später, nie Spaß machen.

Wenn der Moment kommt, die Sicherheit aufzugeben und ins kalte Wasser zu springen, zögere nicht. Es lohnt sich, die Selbstständigkeit ist für Dich die perfekte Lebensform. Und gib niemals das Schreiben auf, auch wenn es Dir zwischendurch sinnlos erscheint: Zu Deinem ersten Verlagsvertrag kommst Du wie die Jungfrau zum Kind, wenn Du es schon lange nicht mehr erwartest.

Hab keine Angst vorm Erwachsenwerden, glaub mir, es ist herrlich und wird Dir Spaß machen. Du hast viel engere und bessere Bindungen zu Freunden und Familie als früher und die Freiheit, zu tun, was Du liebst. Du wirst eine sehr glückliche Frau, meine Kleine, also nimm auch die dunklen Phasen locker, hm? So viele sind es eh nicht.

Fühl Dich gedrückt von der Zukunftskirsten!

P.S.: Oh, schließ um Himmels willen frühzeitig eine Zahnzusatzversicherung ab!

 


 

Kirsten Braselmann

Ich bin heute hauptberuflich Texterin und biete ein bisschen Websitepflege an, habe allerdings inzwischen auch den Auftakt zu einer Krimiserie veröffentlicht, die in Hamburg spielt. Allerdings unter Pseudonym, weil die Ermittler auch ein Liebesleben haben. Das ist noch neu und schrecklich aufregend und macht vor allem einen riesengroßen Spaß.

www.facebook.com/kirsten.braselmann

Hey, meine Kleine,

wahrscheinlich störe ich Dich gerade, während Du mit dem Rücken an der Heizung sitzt und liest – links neben dem Schrank, hinter dem Du die Chipstüte lagerst.

In mehr als zwanzig Jahren verbringst Du Teile Deiner Freizeit immer noch ganz ähnlich, aber inzwischen ziehst Du Bett oder Sofa vor, und verstecken musst Du auch nichts mehr.

Im Großen und Ganzen hast Du eigentlich keinen großen Unsinn gemacht, und da ich heute sehr glücklich bin, werde ich Dich nicht bitten, etwas zu ändern – das verfälscht sonst noch das Ergebnis.

Vielleicht hab ich aber ein paar Tipps für Dich und Dinge, die Dir Mut machen. Zunächst: Nimm Dir Christine und Tim nicht so zu Herzen. Das sind miese kleine Klassentyrannen, die aber immer nur so viel Macht haben, wie Du ihnen einräumst. Lass sie einfach links liegen. Du wirst dann vielleicht erst etwas allein sein, aber das hat Dir ja noch nie Probleme bereitet. Christine wird noch in der Oberstufe die Schule wechseln, weil sich der Wind für sie früh dreht. Und Tim, noch immer im Pullunder, ist heute so ein fieser kleiner Marketing-Terrier. Passt perfekt.

An einem heißen Frühsommernachmittag wirst Du Jana besuchen und schrecklich aufgeregt sein, wenn sie in einem Getränkemarkt ein paar kleine Fläschchen mitgehen lässt. Kleiner Tipp: Trink die nicht, die schmecken zwar nach Karamell und Pflaume, aber da ist Alkohol drin. Zwar musst Du wegen des blutigen Fahrradunfalls danach am nächsten Tag nicht zu den Bundesjugendspielen, aber die Narbe am Knie ist noch immer da. Sie wechselt die Farbe zu Lila, wenn mir kalt ist.

Apropos Narbe: Ich wage nicht, Dir zu raten, in der Oberstufe nicht den Skikurs zu belegen. Die Woche ist einfach zu gut, und all Deine Freunde sind dabei (Du hast sehr enge Freunde in der Oberstufe!). Vielleicht solltest Du aber darauf achten, nicht neben Janet im Lift zu sitzen. Kann sein, dass Du so um den Kreuzbandriss umzu kommst. Die Narben sind ein bleibendes Andenken. Am anderen Knie, versteht sich.

Für die Liebe kann ich Dir nichts raten, da musst Du einfach durch. Eine Zeit lang wird Deine Lernkurve dem EKG eines Toten gleichen, aber schließlich wird Dir aufgehen, dass hinter der harten Schale eines beziehungsunfähigen Arschlochs oft tatsächlich ein beziehungsunfähiges Arschloch steckt. Du wirst suchen, stolpern, hinfallen, wieder aufstehen und weitersuchen, und schließlich wird es sich lohnen. Versprochen. Er ist fantastisch. 🙂

Du hast später wundervolle Freunde, über die Du sehr froh sein kannst. Hast Du jetzt gerade das Gefühl, dass da niemand ist, der wirklich passt, dann sei nicht traurig: Das findet sich. Du wirst ein sehr krasses Ende einer Freundschaft erleben, aber auch das ist unabwendbar. Wenn es passiert, sei nicht mutlos: Es wird danach alles besser. Vergiss nicht, Deine Bindungen zu pflegen, egal, wo die Leute sind! Eigentlich kriegst Du das ganz gut auf den Schirm, aber Du könntest Dich früher wieder bei Clau melden, wenn es so weit ist. Schreib Dir das auf, Du wirst sie erst in etwa acht Jahren auf der Damentoilette bei einem Metalkonzert kennenlernen.

In etwa fünf Jahren wird Herr Redetzky euch anbrüllen, dass ihr alle viel dankbarer sein solltet und euch zurücksehnen werdet, weil die Schule die schönste Zeit eures Lebens ist. Du wirst da schon vermuten, dass der Mensch Stuss redet, und hast völlig recht: Du weinst der Schule keine Träne nach, die wird Dir, abgesehen von dem Zusammensein mit Deinen Mitschülern später, nie Spaß machen.

Wenn der Moment kommt, die Sicherheit aufzugeben und ins kalte Wasser zu springen, zögere nicht. Es lohnt sich, die Selbstständigkeit ist für Dich die perfekte Lebensform. Und gib niemals das Schreiben auf, auch wenn es Dir zwischendurch sinnlos erscheint: Zu Deinem ersten Verlagsvertrag kommst Du wie die Jungfrau zum Kind, wenn Du es schon lange nicht mehr erwartest.

Hab keine Angst vorm Erwachsenwerden, glaub mir, es ist herrlich und wird Dir Spaß machen. Du hast viel engere und bessere Bindungen zu Freunden und Familie als früher und die Freiheit, zu tun, was Du liebst. Du wirst eine sehr glückliche Frau, meine Kleine, also nimm auch die dunklen Phasen locker, hm? So viele sind es eh nicht.

Fühl Dich gedrückt von der Zukunftskirsten!

P.S.: Oh, schließ um Himmels willen frühzeitig eine Zahnzusatzversicherung ab!

 


 

Kirsten Braselmann

Ich bin heute hauptberuflich Texterin und biete ein bisschen Websitepflege an, habe allerdings inzwischen auch den Auftakt zu einer Krimiserie veröffentlicht, die in Hamburg spielt. Allerdings unter Pseudonym, weil die Ermittler auch ein Liebesleben haben. Das ist noch neu und schrecklich aufregend und macht vor allem einen riesengroßen Spaß.

www.facebook.com/kirsten.braselmann