Wichtel Aldi

Mein trauriger Felix,

weine nicht länger, sondern arbeite! Nur auf diese Weise wirst Du Dich und Deinen Traum verwirklichen können. Lege nur für einen Moment das Skateboard beiseite und greife zur Schreibmaschine, zu jener orangefarbenen, aus Plastik gemachten, die Dein Vater Richard seiner Sekretärin, Deiner späteren Mutter, in den 1960er Jahren kaufte. Setze Dich hin und beschreibe das Drama, schreibe über die Erniedrigungen, die Tränen und dunklen Tage. Du bist nicht allein, ich bin bei Dir und werde es immer sein. Ich habe gesehen, wie sie Dich verprügelt haben, wieder und wieder. Auch kann ich bezeugen, dass Du Deine eigene, gedemütigte Seele vertreiben oder zumindest betäuben wolltest. Mit Dir heulte ich in einsamen Nächten, mit Dir teile ich bis heute das Gefühl, unverstanden zu sein.

Jener derbe Bauernsohn, der so stark nach Mist und Jauche riecht und der Dich so hasst, weil Dein Vater Richard ihn in der Hauptschule unterrichtet, ging heute wieder auf Dich los. Er drängte Deinen dürren Leib gegen den Jägerzaun, der das Areal der Grundschule vom Sportplatz trennt. Schmerzhaft war das, als die hölzernen Spitzen der Begrenzung in Deinen nur aus Haut und Knochen bestehenden Rücken stachen. Tiefe Schürfwunden und blutige Kratzer hatte der Angriff zur Folge. Deine Angst war so groß, dass Du noch während der unfairen Attacke in Tränen ausbrachst, was die Wut des Angreifers noch befeuerte. Zwei ältere Jugendliche, reife und bereits im Umgang mit Mädchen erfahrene Realschüler, beide nach den Regeln der Skateboard-Mode zurechtgemacht, unterstützten den dicken Landwirtsspross mit lauten Rufen. Ich weiß, dass Du sie fürchtest, und mir ist auch klar, dass Du eigentlich so sein möchtest, wie sie es sind. An Deinem mageren Körper wirken die weiten Klamotten, die 1995 so en vogue sind, wie die Kleidung eines Clowns. Die grüne Wollmütze mit dem eingeprägten A hat leider den Effekt, dass sie Dich Wichtel Aldi nennen. In den Augen Deiner Feinde sehen auch die baggy pants und das zwei Nummer zu große Langarmshirt koboldartig aus, extrem angesagte Kleidungsstücke, die Du voller Stolz in einem Londoner Skateshop erwarbst. Mit Deinem ersten, eigenständig in der lokalen Fleischfabrik verdienten Geld bezahltest Du Hosen und Longsleeve. Ich war ja dabei, wie Du in den neuen Klamotten auf Deinem Rollbrett die Treppen am Themse-Hafen heruntersprangst. Für mich sah es so aus, als seist Du ein Meister der Skateboardkunst. Dass die anderen Skateboarder über Dich lachen und Dich quälen, wusste ich zuerst nicht. Hier, bei Deiner Tante in London, fühltest Du Dich immer wohl. Als wir das in Piccadilly gelegene, von arroganten Schnöseln betriebene Geschäft verließen, machten sie anzügliche Witze über Dich und Deine Tante. Davon bekamst Du nichts mit, auch nicht von den strengen Blicken, die ich den Halbstarken zukommen ließ.

So halte Dich fern von den anderen Skateboardern, wollte ich Dir beinahe raten, aber ich wusste, dass dies die falsche Entscheidung gewesen wäre. Halte Dich an den Rat Deines Cousins Michael, der Dir sagte: Trainiere so viel und so gut Du kannst für Dich allein, und wenn Du genügend Tricks beherrschst, zeige den anderen, was Du gelernt hast. Und genau diesen wertvollen Ratschlag beherzigtest Du auch. Als Du einige Kunststücke vorzuweisen hattest, sorgtest Du dafür, dass alle Mitglieder der dörflichen Skateboard-Szene Dein Werk begutachten konnten, erst dann hängtest Du das Board endgültig an den Nagel. Respektvoll behandelten Dich die bei der Damenwelt beliebten, pubertierenden Realschüler auf einmal, die Dich einst auf dem Nachhauseweg verfolgten und auslachten, während Du flennend zu Deiner Mutter radeltest. All diese Erlebnisse dokumentiertest Du mit großem Eifer auf der grell orangenen Schreibmaschine.

Bald sprachen die Leute über Dein schreiberisches Geschick, welches Du beispielsweise in der Schülerzeitung unter Beweis stelltest. Immer, wenn Du Schmerzen spürtest, setztest Du Dich auf den Hosenboden und hautest in die Tastatur.

Dass Du wurdest, was Du heute bist, daran hatte ich keinen großen Anteil. Die Qualen verwandeltest Du in Kunst, die Instrumente Deines Erfolges sind Skateboard und Schreibmaschine. Es erfüllt mich mit tiefer Zufriedenheit, wenn ich in diesen Tagen Deine Artikel und Reportagen in den Zeitungen lese. Und ich muss immer ein wenig lachen, unterschreibst Du die Texte doch stets mit dem Pseudonym W. Aldi. Du hast das Beste aus den Demütigungen und Erniedrigungen gemacht, hast Dich nicht von Deinem Weg abbringen lassen und Deinen Traum realisiert. Dass Du mir für Deine gelungene Karriere dankst, da ich Dir stets mit Rat und Tat zur Seite stand, macht mich stolz. Denn ich wollte immer nur, dass Du in Frieden sowie Freiheit existierst. Und wenn Du mich in Deinen Werken erwähnst, muss ich mir oft die Tränen aus den Augenwinkeln streichen.



 

Jens-Philipp Gründler

1977 geboren in Bielefeld, erlangte 2006 den Magister Artium im Fach Philosophie in Münster, wo er seitdem als Schriftsteller und Altenbetreuer lebt und arbeitet. Sein Roman „Rebellen des Lichts“ sowie die Kurzgeschichtensammlung „Flüssige Schwerter“ sind 2015 in der Edition Bärenklau erschienen. Des Weiteren wurden die Anthologie „Glaspyramide“ im Beyond Affinity-Verlag und mehrere Erzählungen in verschiedenen Literaturzeitschriften veröffentlicht.

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