Brief von Jana Franke

LebensZeit

Mädchen klein, ich sehe mich sechsjährig im Garten auf der „Guten Luise“ sitzen, oben an der Spitze, wo die Luft am klarsten und der Blick am unverstelltesten war. Die feinen grauen Linien der Rinde rieben an den Beinen, und die abertausend Blüten, in die die flauschigen Hummeln krochen und brummend Blüte um Blüte bestäubten, waren der wunderliebste Heimatort meiner Kinderwelt. Eins mit der Natur, bewegte ich Fragen, die mir so unerreicht schienen wie das Morgen oder das Vorgestern.

… Zukunft, ein süßes Wort in meinen Ohren. Wenn ich groß bin. So groß wie Mama oder Papa, nicht so alt wie Oma und nicht schon tot wie Opa. Bei mir wird es anders sein als bei allen anderen. Heller! Feiner! Erfolgreicher!
Unzerstörbar bleibt mein Zuhause, untrennbar meine Familie.
Ich werde zum Mond fliegen, die Erde aus dem All sehen, ich tanze den sterbenden Schwan im Scheinwerferlicht, weil der so schaurig schön ist. Und ich werde einen Freund haben. Dann bin ich nicht mehr so kalt verloren einsam.
Ob es wirklich einen Menschen gibt, der genau zu mir passt? Was, wenn wir uns nicht finden? Was, wenn er schon 70 Jahre vor mir gelebt hat, wie Opa Wandelt, der mich verstand.

Jetzt haben sich die Jahrzehnte gehäuft, in denen sich mein Leben tummelte. Ein halbes Jahrhundert. Unvorstellbar, dass Menschen so alt werden können.

Glaube nicht, dass ich schon tot bin oder die Absicht habe, tot zu sein. Es geht weiter, immer weiter, kein Halten, kein Pardon. Die Zeit schreitet voran, ohne das ich ihr groß Beachtung schenke. Deine Birnbaumgedanken, ob man mit 50 noch Autofahren kann, über kindlich Witze lacht und alle Zähne im Mund hat und noch … kann ich dir mit „Ja“ beantworten.
Stell dir vor, meine Kinder sind noch klein, ich bin zweimal verheiratet, einmal geschieden und gerade frisch verliebt. Unglaublich was?
Einsamkeit ist bezwingbar.
Wie das geht? Liebchen, Liebchen, die unendliche Leichtigkeit des Seins.
Lehne dich zurück, höre in dich rein und warte. Die Antworten kommen. Nur Geduld. Du weißt, was du brauchst. Weißt du doch, nicht? Ja. Und dann nimm deinen ganzen Mut zusammen und stehe zu dem, was du da hörst und setzte es um.
Manchmal macht es einsam, ja. Manchmal wird es schwer, ja. Nicht dein Leben lang. Manchmal ist es rotzlaufend traurig. Manchmal gibt man alles hin und steht nackt, weil das was man zusammenhalten wollte, längst verschimmelt ist.
Neuanfang riecht nach kaltem Ozeanrauschen, nach Salz und Sand – der Boden unter den Füßen wird wieder fester. Erste Schritte sind schleppend, vorsichtig und klein. Wie auch sonst? Große Sprünge machen die anderen auch nicht. Schau mal genau hin.
So versöhnlich schmeckten die buttergelben MamaCrepés mit schwarzer Johannisbeermarmelade zum ersten Todestag von Oma. Ich erinnere mich, denn ich backe sie heute für meine Kinder.
„Mädchen, jetzt ist aber mal gut mit der Trübsalblaserei. Lauf mal und fang Schmetterlinge. Schau was der stille Stefan nebenan in seinem Kescher hat. Ich warte hier auf dich und Oma auch.“ Ich schwöre, durch die Luft kam das typische Schnalzen. Wahrscheinlich hat sie den Apokalyptischen Reitern unmissverständliche Befehle gegeben. Oma eben, der alte Dragoner.

Das reicht nicht, sagst du. Nein, albern, zu wenig, keine Hilfe, nur Gesäusel.
So einfach kann Leben nicht sein. Ohne Anstrengung erreicht man nichts, sagt auch Tante Hedwig. Nur wenn du hart arbeitest, stellt sich der Wohlstand ein und das Glück. Leben ist Arbeit. Es ist nie genug!

Ja mein kleines Mädchen, manchmal stimmt´s.
Nur nicht immer.
Auf dem Kopf von Tante Hedwig landete ein Ziegel und sie wachte aller medizinischer Aussage nach, im Koma wieder auf. Dort kämpfte sie dann im Hamsterrad der Zeit. Keine Hoffnung auf Erlösung.
Nachdem die Gräber unserer Lieben üppig blühten und ich ahnungslos vor dem tiefen schwarzen Löchern schwankte, wollte ich von der Liebe lassen. In die Musik springen, federleicht mit den Tönen fliegen, silbern durch die Wasser der Fantasien gleiten, die Qualen des sterbenden Schwanes fühlen und als Giselle lieben über den Tod. Während ich das tat auf den Bühnen dieser Welt, gedachte ich Hedwig, meiner Oma, meiner krebskranken Mutter und meiner Heimat, die ich mit 20 verlor.
Stumm tanzte ich mit dem Tod und er mit mir.

Und die Liebe? Hat sich wieder eingestellt.
Mit einem Kranz aus Birnenblüten auf dem Kopf, in die die Hummeln krochen, das Gardinenkleid sanft an meinen schmalen Mädchenkörper geschmiegt, hielt der stille grünäugige Stefan um meine Hand an. Mit erstaunlich festem Griff, zog er mich auf seinen Rappen, galant küssten seine Lippen meinen feuerroten Mund und wir ritten zur Dorfkirche.
Ein paar Männer weiter, fuhr mich der, mit den meerblauen vorwitzigen Augen in einem 72ziger Chevi zum Altar. Wir haben uns gefunden, nur etwas später.
Die gemeinsamen Kinder werden groß, sitzen auf den Hochbetten vor ihren Handys, forschen in tiefen Bächen nach Gold und streiten sich bis aufs Blut.

Gar nicht schlecht für ein halbes Jahrhundert, findest du nicht auch?

 


Jana Franke

Sie sagt: „Ich schreibe weil ich nicht anders kann. Lese vor, weil es mir Spass macht. Bin interessiert an den Gesprächen, die sich daraus ergeben. Schreibe dann weiter.“

Ihre Kurzgeschichten, Krimis, Märchen und Gedichte siedeln sich in Anthologien an. Sie liest regelmäßig auf freien Bühnen und war dieses Jahr als Gastkünstlerin mit ihrem Künstlerbuch bei der überregional bekannten Kunsttour Caputh 2016 geladen. Sie arbeitet mit Illustratorinnen zusammen und entwickelt eigene Formate, wie die Kurzgeschichten-Wartezimmer-Ausstellung, damit das Warten ein Ende hat. Ihre Geschichten berühren Jung und Alt in der näheren und weiteren Umgebung, wie jetzt im November in Baden b. Wien, beim Finale des art.experience Festival für Kurzgeschichten und Lyrik. Ihre Texte sind atmosphärisch, hintergründig und gehen direkt ins Herz.

Zeit für neue Medien hat sie sich bisher noch nicht genommen, aber jetzt kommt sie nicht ohne aus und freut sich auf einen Austausch mit ihren Followern.

Jana Franke auf Facebook

Jana Franke Web – im Aufbau www.janafranke-potsdam.de/

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LebensZeit

Mädchen klein, ich sehe mich sechsjährig im Garten auf der „Guten Luise“ sitzen, oben an der Spitze, wo die Luft am klarsten und der Blick am unverstelltesten war. Die feinen grauen Linien der Rinde rieben an den Beinen, und die abertausend Blüten, in die die flauschigen Hummeln krochen und brummend Blüte um Blüte bestäubten, waren der wunderliebste Heimatort meiner Kinderwelt. Eins mit der Natur, bewegte ich Fragen, die mir so unerreicht schienen wie das Morgen oder das Vorgestern.

… Zukunft, ein süßes Wort in meinen Ohren. Wenn ich groß bin. So groß wie Mama oder Papa, nicht so alt wie Oma und nicht schon tot wie Opa. Bei mir wird es anders sein als bei allen anderen. Heller! Feiner! Erfolgreicher!
Unzerstörbar bleibt mein Zuhause, untrennbar meine Familie.
Ich werde zum Mond fliegen, die Erde aus dem All sehen, ich tanze den sterbenden Schwan im Scheinwerferlicht, weil der so schaurig schön ist. Und ich werde einen Freund haben. Dann bin ich nicht mehr so kalt verloren einsam.
Ob es wirklich einen Menschen gibt, der genau zu mir passt? Was, wenn wir uns nicht finden? Was, wenn er schon 70 Jahre vor mir gelebt hat, wie Opa Wandelt, der mich verstand.

Jetzt haben sich die Jahrzehnte gehäuft, in denen sich mein Leben tummelte. Ein halbes Jahrhundert. Unvorstellbar, dass Menschen so alt werden können.

Glaube nicht, dass ich schon tot bin oder die Absicht habe, tot zu sein. Es geht weiter, immer weiter, kein Halten, kein Pardon. Die Zeit schreitet voran, ohne das ich ihr groß Beachtung schenke. Deine Birnbaumgedanken, ob man mit 50 noch Autofahren kann, über kindlich Witze lacht und alle Zähne im Mund hat und noch … kann ich dir mit „Ja“ beantworten.
Stell dir vor, meine Kinder sind noch klein, ich bin zweimal verheiratet, einmal geschieden und gerade frisch verliebt. Unglaublich was?
Einsamkeit ist bezwingbar.
Wie das geht? Liebchen, Liebchen, die unendliche Leichtigkeit des Seins.
Lehne dich zurück, höre in dich rein und warte. Die Antworten kommen. Nur Geduld. Du weißt, was du brauchst. Weißt du doch, nicht? Ja. Und dann nimm deinen ganzen Mut zusammen und stehe zu dem, was du da hörst und setzte es um.
Manchmal macht es einsam, ja. Manchmal wird es schwer, ja. Nicht dein Leben lang. Manchmal ist es rotzlaufend traurig. Manchmal gibt man alles hin und steht nackt, weil das was man zusammenhalten wollte, längst verschimmelt ist.
Neuanfang riecht nach kaltem Ozeanrauschen, nach Salz und Sand – der Boden unter den Füßen wird wieder fester. Erste Schritte sind schleppend, vorsichtig und klein. Wie auch sonst? Große Sprünge machen die anderen auch nicht. Schau mal genau hin.
So versöhnlich schmeckten die buttergelben MamaCrepés mit schwarzer Johannisbeermarmelade zum ersten Todestag von Oma. Ich erinnere mich, denn ich backe sie heute für meine Kinder.
„Mädchen, jetzt ist aber mal gut mit der Trübsalblaserei. Lauf mal und fang Schmetterlinge. Schau was der stille Stefan nebenan in seinem Kescher hat. Ich warte hier auf dich und Oma auch.“ Ich schwöre, durch die Luft kam das typische Schnalzen. Wahrscheinlich hat sie den Apokalyptischen Reitern unmissverständliche Befehle gegeben. Oma eben, der alte Dragoner.

Das reicht nicht, sagst du. Nein, albern, zu wenig, keine Hilfe, nur Gesäusel.
So einfach kann Leben nicht sein. Ohne Anstrengung erreicht man nichts, sagt auch Tante Hedwig. Nur wenn du hart arbeitest, stellt sich der Wohlstand ein und das Glück. Leben ist Arbeit. Es ist nie genug!

Ja mein kleines Mädchen, manchmal stimmt´s.
Nur nicht immer.
Auf dem Kopf von Tante Hedwig landete ein Ziegel und sie wachte aller medizinischer Aussage nach, im Koma wieder auf. Dort kämpfte sie dann im Hamsterrad der Zeit. Keine Hoffnung auf Erlösung.
Nachdem die Gräber unserer Lieben üppig blühten und ich ahnungslos vor dem tiefen schwarzen Löchern schwankte, wollte ich von der Liebe lassen. In die Musik springen, federleicht mit den Tönen fliegen, silbern durch die Wasser der Fantasien gleiten, die Qualen des sterbenden Schwanes fühlen und als Giselle lieben über den Tod. Während ich das tat auf den Bühnen dieser Welt, gedachte ich Hedwig, meiner Oma, meiner krebskranken Mutter und meiner Heimat, die ich mit 20 verlor.
Stumm tanzte ich mit dem Tod und er mit mir.

Und die Liebe? Hat sich wieder eingestellt.
Mit einem Kranz aus Birnenblüten auf dem Kopf, in die die Hummeln krochen, das Gardinenkleid sanft an meinen schmalen Mädchenkörper geschmiegt, hielt der stille grünäugige Stefan um meine Hand an. Mit erstaunlich festem Griff, zog er mich auf seinen Rappen, galant küssten seine Lippen meinen feuerroten Mund und wir ritten zur Dorfkirche.
Ein paar Männer weiter, fuhr mich der, mit den meerblauen vorwitzigen Augen in einem 72ziger Chevi zum Altar. Wir haben uns gefunden, nur etwas später.
Die gemeinsamen Kinder werden groß, sitzen auf den Hochbetten vor ihren Handys, forschen in tiefen Bächen nach Gold und streiten sich bis aufs Blut.

Gar nicht schlecht für ein halbes Jahrhundert, findest du nicht auch?

 


Jana Franke

Sie sagt: „Ich schreibe weil ich nicht anders kann. Lese vor, weil es mir Spass macht. Bin interessiert an den Gesprächen, die sich daraus ergeben. Schreibe dann weiter.“

Ihre Kurzgeschichten, Krimis, Märchen und Gedichte siedeln sich in Anthologien an. Sie liest regelmäßig auf freien Bühnen und war dieses Jahr als Gastkünstlerin mit ihrem Künstlerbuch bei der überregional bekannten Kunsttour Caputh 2016 geladen. Sie arbeitet mit Illustratorinnen zusammen und entwickelt eigene Formate, wie die Kurzgeschichten-Wartezimmer-Ausstellung, damit das Warten ein Ende hat. Ihre Geschichten berühren Jung und Alt in der näheren und weiteren Umgebung, wie jetzt im November in Baden b. Wien, beim Finale des art.experience Festival für Kurzgeschichten und Lyrik. Ihre Texte sind atmosphärisch, hintergründig und gehen direkt ins Herz.

Zeit für neue Medien hat sie sich bisher noch nicht genommen, aber jetzt kommt sie nicht ohne aus und freut sich auf einen Austausch mit ihren Followern.

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