Brief an mein jugendliches Ich

Zu Beginn dieses Briefes lass dir gesagt sein: Es ist genau das geschehen, was du befürchtet hast. Ich bin alt und versuche nun dieses in die Waagschale zu legen. Du wirst so clever sein, das sofort zu merken. Ich kenne dich.

Wir alten Leute legen jedem Gesprächspartner die Hand auf den Arm, damit dieser nicht entfliehen kann, und erzählen die immer gleichen Geschichten, die keiner hören will und von denen wir denken, sie sind originell. Du weißt, dass das nicht so ist, doch du bist höflich und ich geneigt, den Fehler zu wiederholen. Daher lass mich nicht Luft holen und uns schnell zum Kern kommen. Heirate das Mädchen.

Du wirst lange überlegen, so wie du immer viel zu lange überlegst, aber heirate sie. Ihr werdet euch vielleicht scheiden lassen, aber bis dahin kann es eine gute Ehe sein. Und die Jahre einer guten Ehe wirst du nicht vergessen.

Wenn du sie nicht heiraten wirst, dann solltest du es mal kurz mit einem Mann versuchen. Ja, mein Gott, mache dir nicht über alles Gedanken. Probiere es einfach aus. Du wirst sehen, es werden dir eine Menge Leute abraten, manche werden sich auch abwenden, aber das trennt die Spreu vom Weizen, und du merkst ziemlich schnell, wer deine wahren Freunde sind. Und du siehst einfach zu gut aus, um dir diese Chance entgehen zu lassen. Und, wirklich, ich weiß, dass dich das reizt.

Es gibt Tabletten, die du nehmen sollst, und Drogen, die du besser ablehnst. Tatsächlich kenne ich mich da gar nicht mehr so arg aus, aber du wirst das packen, und darum mache ich mir keine Sorgen. Du kriegst das hin.

Wir beide wissen, dass du dein Geld verschleuderst. Und auch wenn ich mir heute sicher bin, dass ich ein verdammter Millionär wäre, wenn ich die Kohle damals richtig angelegt hätte, traue ich mich nicht, dir zu raten, von Wein, Weib und Gesang abzulassen. Gehe mehr in die Sonne. So oft wie möglich ans Meer. Probiere den Seeigel, den Lammkopf und den spanischen Schinken. Schmeckt nicht alles gut, aber du wirst es nicht vergessen.

Wenn sie fragen, ob du mitessen willst, dann schäme dich nicht, ja zu sagen. Wenn du bei ihnen übernachten sollst, dann tue das ruhig, und wenn dir zugelächelt wird, dann lächle zurück, und sei immer freundlicher als dein Gegenüber. Aber das bist du sowieso.

Du machst nichts Falsches, wenn du immer noch Comics liest, aber greife rechtzeitig zu Nietzsche, Lord Byron, James Joyce, James Updike und Philip K. Dick. Lass dir das nicht entgehen. Marx, Engels, Warren Buffet und Kostolany habe ich zu spät gelesen, das solltest du anders machen.

Es ist in Ordnung, arm zu sein. Es ist vollkommen in Ordnung, richtig arm zu sein. Mache jeden Job, der dir angeboten wird. Tue alles, wie dumm es dir auch vorkommt. Nimm mit, was dir angeboten wird. Das hört sich an, als empfehle ich dir alles, vom Tellerwäscher bis zum Killer. Aber ich weiß, du wirst kein Killer. Ich brauche mir keine Sorgen zu machen, du hast nicht das Zeug dazu. Also werde Tellerwäscher, Zeitungsausträger, Mechaniker, Buchhalter, Banker, Junior-Manager, Boss, Chef, Papst. Probiere es einfach, vielleicht reicht es nicht zum Papst. Dann werde halt Präsident.

Ehrgeiz. Du wirst ihn verachten. Disziplin. Du wirst sie verachten. Regeln. Du wirst sie brechen wollen. Seien wir ehrlich: Sage ich jetzt, lass das, dann wirst du dich nicht daran stören. Das ist in Ordnung. Aber bedenke einfach mal: Du solltest die Regeln kennen, die du brechen willst, denn erst dann macht es Spaß, sie zu zerlegen. Und vielleicht willst du es ja dann gar nicht mehr.

Du wirst rebellisch sein. Ein Hitzkopf, du wirst aufrührerisch sein und auf die Demonstrationen gehen, zu denen mich kein Mensch mehr hinbewegen mag. Du wirst nicht so werden wollen, wie ich jetzt bin. Nicht so wie dein Vater, nicht so wie dein Großvater. Du wirst dich verachten, wenn du es bemerkst. Du wirst dich eine Zeitlang nicht lieben und alles umdrehen wollen. Und du wirst das nicht verhindern können.

Also finde dich damit ab, lass es kurzweilig werden, probiere das alles aus, und vergiss keine Minute. Wo liegt also jetzt mein Rat? Wo der Wert, wo der Schatz? Wo machst du heute eine Erfahrung, die dir dein ganzes Leben erleichtert? Nirgendwo. Außer in der Sicherheit, das nichts verkehrt ist, alles gut, du es schaffen wirst und schaffen kannst und irgendwann voll Güte zurückschauen magst. So wie ich jetzt.

Peace, Alter 🙂

 


 

Jan Tälling

ist das Pseudonym eines Autoren, der folglich keine Autorenvita und Kontaktdaten wie Facebook oder Webseiten hinterlegt.