Brief an mein jugendliches Ich

Hey Liebe – oder wie soll ich Dich nennen? DU, meine unentdeckte Rabaukin, mein Seelenmarder, mein hartnäckiges Zicklein, meine untröstliches Mimöschen, meine knospende Stachelpalme? – Meine liebe Liebe!

Ich mag Dir schreiben, will Dich erreichen, wo immer Du anfängst, wo du auch aufhörst, wo immer du gerade steckst, die Du doch zu gut weißt, dich zu verstecken.

Dein Versuch, auch vor mir zu verschwinden, ist Dir – Gott oder der Welt sei Dank – misslungen.

Trotzdem ist es schwer, Dich zu erreichen,

Deine körperliche Entwicklung weggehungert, Deine Sehnsucht eingefroren, Deine Lust weggeträumt, deine Wut weggepresst.

Weg, weg, weg – alles sollte weg sein – aus dem Weg sein; wohin eigentlich sollte der gehen, dieser Weg? Ich glaube, du spürtest nie ein Ziel – nur die Hindernisse. Wir haben uns nie anders kennengelernt als über dieses viele Weghabenwollen. Wie schade das doch ist!

Jetzt, Jahre später, will ich Dich bei mir haben. Ich suche Dich, Liebe! Ich will Deinen Körper, die Rundungen, die Dich weiblich machen. Ich will Dir sagen, wie schön sie sind. Ich will Deine Leidenschaft und Deine Sehnsucht in den Augen, den Bewegungen, den suchenden Worten. Folge dem: mehr und mehr und mehr! Lache laut! Störe! Streite! Singe! Iss! Trink! Sei auffällig und sinnlich! Schreie, wenn du magst, und schreibe und male – mach Dich groß, größer noch!

Meine Liebe, könnten meine Worte Dich nur hervorzerren: Deinen mageren Fragezeichenkörper füllen, den gedankenschweren Kopf leeren.

Weißt Du, so gerne hätte ich, dass Du mir antwortest: fantasievoll, beleidigt, aggressiv, romantisch … egal wie: Probiere aus, was passt! Probiere DICH aus! Das hast Du noch viel zu wenig getan. Sei wild! Riskiere Grenzen!

Außerdem macht es mir Lust, Dir Fragen zu stellen, wie jüngere Mädchen es untereinander in ihren Freundschaftsbüchern tun: Welche Musik hörst du wann? Welche Kleidung liebst du? In welchen Situationen hast du Dich zuletzt pudelwohl gefühlt? Von was träumst Du heimlich? Welche Verbote übergehst Du? Mehr von all dem will ich fragen und Dir sagen, dass ich mich freue, wenn Du beginnst, weniger zu ertragen, auszuhalten, zu dulden, hinzunehmen. Nein, nicht weniger, gar nichts mehr davon!

Mein liebes jugendliches Ich. Die Zeit der Angst ist vorbei. Dein Versteck hat keinen Sinn mehr. Zeig Dich – so, wie du bist: unerwachsen, unregelmäßig, gefühlsbetont, sehnsüchtig, aufbegehrend! Komm bitte, ich brauch Dich in diesem Leben! Die Kleine in mir und die Erwachsene – wer sind sie ohne Dich?

Ich mag nicht alt werden mit Dir unter Verschluss, irgendwo in einem abgeriegelten Teil meiner selbst; deshalb mach ich Dir einen Vorschlag: Wir verabreden uns, am Wasser, schlage ich vor, sind wir doch Fische. Ich bringe Picknick mit: Baguette und Käse, Oliven und Wein, Nüsse und Tomaten. Wir schwimmen und lachen und essen und berühren uns.

Morgen Abend gleich – wir haben keine Zeit zu verlieren. Es ist schließlich Sommer. Zieh an, worauf du Lust hast, vielleicht etwas fließend Frauliches, vielleicht etwas Verrücktes. Wir schauen, ob und, wenn ja, über was wir reden oder ob wir singen oder schweigen.

Ich freue mich auf Dich. Ich glaub, ich mag Dich – sehr.

Deine älter Gewordene

 


 

Ingrid Frank

veröffentlicht seit 2004. Sie arbeitet in Hannover und in dem nahe Ballyecastle gelegenen Donmar Cottage in Irland vor allem in Form von Seminaren und Workshops. Biografiearbeit, kreatives Schreiben und Schreibcoaching für Menschen jeder Altersgruppe.

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www.donmarcottage.com