Ach Du, …

… als du begonnen hast, die Welt nicht in Ordnung zu finden und unzufrieden zu sein, da hieltst du Punk für eine gute Sache. Punk, das hieß für dich, eben nicht nur etwas hinterherzurennen, das es schon gab, eben nicht nur die angenehmsten Antworten für deine Fragen zu finden, sich eben nicht nur einen Namen für das zu geben, womit die Welt eine Bessere werden soll, sondern sie wirklich etwas besser zu machen. Schnell fiel dir einiges auf: eine Hose in einem Punkrock-Katalog für 70 Euro. Ständig diese Fragen: Kennst du Slime? Kennst du die Broilers? Kennst du Fluchtweg? Nein? Dann bist du kein richtiger Punk! Dazu hochgestellte Irokesen und massenhaft von diesen Hosen, die in Katalogen teuer zu bestellen waren. Punk, das war wohl auch nur, etwas hinterherzurennen, das es schon gab. Aufgegeben hast du deine Idee deshalb nicht.

Ein halbes Jahr später bist du zwei Wochen von zu Hause ausgezogen. Was du damit sagen wolltest, war: Wie oft streitet ihr noch und warum schon seit 10 Jahren, anstatt euch endlich einmal zu trennen? Eine Rebellion gegen die starrköpfigen Konventionen einer Ehe und die Ansicht, die Kinder gemeinsam, also zusammenbleibend großzuziehen.

Was sie darin sahen, war: Pubertät.

Während deiner ersten Beziehung hattest du einen Nervenzusammenbruch, als du dachtest, von ihr verlassen zu werden, denn Angst hat dir das Leben ohne Menschen schon immer gemacht. Die Liebe wiederum faszinierte dich. Sex stand im Vordergrund und andere erste Male. Gemeinsam zu leiden stand im Vordergrund. Verrückt zu sein und Künstler werden zu wollen stand im Vordergrund. Du bist nicht stehengeblieben auf deiner Suche, und die einzige sichtbare Narbe hast du auf deinem Hintern, denn deine erste Freundin schubste dich wütend in einen Dornenbusch, als du besoffen im Stehen eingeschlafen bist. Alles andere, was wehtat, gehörte zu deiner Suche. Du hast gerne geweint, lieber das, als es nicht mehr zu tun.

Punk aus Katalogen war deine Sache nicht. Unzufriedenheit hieß für dich bald, sich nicht zufriedenzugeben. Du hast versucht, dich in Gedichten und Kurzgeschichten auszudrücken, du warst betrunken und du warst in Therapie, als Angststörungen dein Leben bestimmten. Die Angst vor unheilbaren Krankheiten, davor, vergiftet zu werden, davor, dass es doch einen Gott gibt, der das Licht auf der Erde ausknipst und dich unbemerkt von allen mit seiner riesigen Hand aus deinem Leben reißt. Du warst fantasievoll genug, dir das zu glauben, und fantasievoll genug, es doch nicht zu tun. So ist das bis heute.

Was ich dir sagen will, ist: Du hast Rap gehört, als dir der Punk nicht genug war. Du warst Telefonist und hast Teller gespült, um Verschiedenes kennenzulernen. Du hast Menschen, die sich viel aus Abschlüssen gemacht haben, am ehesten nicht verstanden, und das brachte dich dazu, die meiste Zugehörigkeit eher als Einordnung wahrzunehmen und sie abzulehnen. Echte Zugehörigkeit hieltst du für ein Gefühl, das gar nicht genau bestimmt werden konnte. Ansonsten warst du der Meinung, so weit bist du gekommen mit deiner Idee von Punk, den Menschen vor dir zu sehen. Und niemals konntest du anders, als dich von der Liebe und deiner Suche danach, es miteinander schöner und einfacher zu haben als ohneeinander, faszinieren zu lassen.

Ach Du, und dieses Ach in Erinnerung an früher belächelt dich erst ein wenig, um dann genauer hinzusehen und nur noch aus Dankbarkeit zu lächeln. Unzufriedenheit heißt heute für mich, zufrieden sein zu können, aber sich nicht zufriedenzugeben. Wie glücklich ich bin, noch zu suchen. Und das wäre schwer, hättest du nicht damit weitergemacht, womit wir als Kinder begannen.

 


 

Bastian Klee

Mein Name ist Bastian Klee, ungefragt 25-jährig, frischgebackener Erzieher, aus Berlin, dort immer noch wohnend, irgendwann einmal jedoch in Richtung grüner und leiser Ausschau haltend. Spaziergangfreund. Lasagnefanat. Rosenkohlkritiker. Ein paar meiner Texte schlüpften in Anthologien.