Türknallen. „Scheißmama, ich will dich nie wieder sehen!“

Die Worte ihrer Dreizehnjährigen treffen Erika-Roses Herz wie Giftpfeile. Sie zieht sich in ihr Arbeitszimmer zurück, sucht nach Ablenkung, kramt antriebslos in ihren Erinnerungskisten. Ihr altes Tagebuch!

Mittwoch, der 20. Juni 2016

Liebe Ero!

Nach einem heftigen Streit mit meiner Tochter sitze ich hier auf meinem alten Kinderzimmerteppich und lese deine Tagebucheinträge vom Juni 1986: „Scheiße! Meine Sporthose ist total dreckig. Jetzt muss ich morgen in der Schule die alte mit Loch am Po anziehen. Ich soll nicht motzen, sondern selber waschen, sagt die Alte. Pah!“

So begann dein erstes Tagebuch. Du hast mit deiner Mutter über schmutzige Wäsche gestritten? Kann mich gar nicht mehr daran erinnern. „Die doofe Gabi! Läuft voll heiß vor lauter Neugier! Soll’se selber Tagebuch führen, zum Abkühlen!“ Das war schon harter Tobak! Warum eigentlich nanntest du deine Mutter beim Vornamen? Nichts wolltest du ihr erzählen, wer der blonde Junge im Bus war, ob du die Hausaufgaben gemacht hast.

Und die Sache mit dem Handstand im Sportunterricht hat dich anscheinend wirklich belastet: Wie war das? Du trugst das lange Shirt, um das Hosenloch zu verdecken. Als du an der Reihe warst und es rutschte, war es dir peinlich, dass alle das Loch und deinen BH sahen! Und ausgerechnet der coole Tim musste bei dir Hilfestellung machen! Dein Entschluss stand fest: Du gehst nie wieder in die Schule! Weil die anderen deinen BH gesehen haben? Ist doch wie ein Bikini-Oberteil.

Der Sportlehrer – wie hieß er, ach ja Bach – fiel auf die Kopfschmerznummer und deinen spiegelgeübten Blick nicht herein. Auch bei deiner Mutter funktionierten weißer Gesichtspuder und Leidensmiene am nächsten Morgen nicht. Aber deine erste und einzige Schulvermeidungsaktion war erfolgreich: Einfach im Schulbus sitzenbleiben und mit Mamastimme das Sekre anrufen. An diesen schönen Tag mit Opa im Schrebergarten erinnere ich mich bis heute gern.

Wenn ich in deinem Tagebuch lese, stelle ich fest: Es muss für dich eine schlimme Zeit gewesen sein. Die Sache mit Tim auf dem Abiball deines Bruders. Vorher gab es wieder Streit mit deiner Mutter: „Scheißtag! Stress mit Gabi: Ich soll das Kleid fürn Abiball selbst bügeln. Taschengeld für Schminke krieg ich auch nicht! Die Tim-Eroberung kann ich vergessen! Und endlich hab ich ihr gesagt, dass ich Ero heißen will! Wer nennt sein Kind schon Erika-Rose?“

Wie stolz warst du, als du das lange Baumwollkleid allein gebügelt und die schicken hochhackigen Schuhe blitzeblank geputzt hast! Doch dein Tagebucheintrag aus der Abiball-Nacht klingt nach einer Tragödie: „Die letzte Woche vor den Sommerferien überleb’ ich nie! Tim kann ich sowas von vergessen. Beim Bach gibt’s nie wieder eine gute Sportnote! Und das Schlimmste: Bruderherz hat alles mit seiner Videokamera aufgenommen!“

Da musste ich sofort das alte Video gucken, mittlerweile gut gesichert auf DVD. Was für ein Spaß, meine Tränen waren wie weggeblasen. Dein Bruder hatte von der Empore aus wirklich den besten Platz fürs Videodrehen: Die ersten Takte von I Just Died in Your Arms erklingen, Tim steht mitten auf der Tanzfläche, wird wie ein Beutetier von den jagenden Mädels eingekreist. Auch du stürmst los, doch dein langes Kleid verheddert sich in den hohen Absätzen. Dann der Sturz, ein bühnenreifer Stunt: Du rempelst den Bach an, ihr fallt zusammen. Köstliche Vorführung! Zeitgleich schleppt ein hübsches Blondinchen – war es die fiese Lisa? – Timfisch in ihrem Netz ab. Dann dein Schrei – Scheißeeeeeee! – genau in Bachs Ohr. Dieser fasst mit einer Hand an sein Ohr, mit der anderen ans Fußgelenk und schimpft wie ein Paukerspatz! Hervorragende Show!

Und dann kam der Höhepunkt, der letzte Schultag: Deine Mutter sollte das Zeugnis persönlich abholen, der Bach wollte sie sprechen, du musstest mit. Sie sprachen über alles: Sportstunden, Schwänzen, Abiball. Irgendwann reichte es dir, du ranntest aus dem Lehrerzimmer und direkt der Roth in die Arme. Warum eigentlich hast du ihr alles erzählt? Sie lächelte nur und sagte: „Nächstes Schuljahr gibt es einen Neuanfang: Ich werde eure Klassenlehrerin und bekomme euch in Sport. Wenn du Sorgen hast, kommst du zu mir.“

Heute weiß ich: Die Roth hielt, was sie versprach, und alles wurde gut.

Es war eine aufregende Zeit. Aber im Nachhinein betrachtet: War das alles wirklich so schlimm? Für dich damals wohl schon. Wenn ich dir meinen Rat als Mama hätte geben können, … dann hättest du selbst nicht die Erfahrungen gemacht, mit denen du dreißig Jahre später diesen Brief schreiben wirst. Mach deine eigenen Erfahrungen, diejenigen der anderen nutzen dir nicht.

Dein Älter-Ego

Als Erika-Rose später wieder ihr Arbeitszimmer betritt, sitzt ihre Tochter auf dem Teppich. Sie muss den Brief gefunden haben und liest ihn konzentriert. Ob Erika-Roses Plan aufgeht? Ihre Tochter schaut auf, ihre Blicke treffen sich. Mutter-Tochter-Blicke.

 


 

Barbara Fröhlich

wurde 1976 in Essen an der Ruhr geboren. Sie arbeitet hauptberuflich als Lehrerin an einer Gesamtschule im Ruhrgebiet und widmet sich in ihrer Freizeit ihren Hobbys, dem Lesen und Geschichtenschreiben