Hallo, hörst du mich?

Haaallo! Nein, du hörst mich nicht. Versuche ich’s eben mit einem Brief.

Liebes dummes Ich,

da stehst du nun verwirrt auf der Straße, starrst auf die Notiz: in drei Tagen um 11 Uhr. So einen Termin willst du doch gar nicht! Nichts wünschst du dir sehn­licher als dieses Kind. Schon jetzt liebst du es, sprichst mit ihm in deinen Träumen. Du siehst jedoch keinen anderen Ausweg? Dabei liegt er in deiner Hand, wenn du nur willst, wenn du den Mut aufbringst, dich zuversichtlich ins Ungewisse zu stürzen. Spring endlich, spring vom Zehnmeterbrett! So viele eigene Entschlüsse hast du schon unbeirrt gemeistert. Folge nicht dem Rat anderer! Sag ihnen klipp und klar, du hast dich für dein Kind entschieden! Steig noch einmal die Treppe zur Praxis hoch! Achthundert Mark will er dir abknöpfen, dieser widerwärtige Arzt. Wo willst du die hernehmen? Vollmundig entrüstet hatte er erklärt, ‘so etwas mache er nicht’, laut genug, dass es das volle Wartezimmer auch ja hört. Erst als du Frau X erwähnst, die dich an ihn empfohlen hat, hat er dich schnell zur Seite gezogen. Du hast ihn erpresst! Ist dir das klar? Und willst du dein so innig ersehntes Kind in dir töten gegen horrendes, gar nicht vorhande­nes Geld? Was ist das für ein schmutziger Deal, entstanden aus verzweifelter Angst vor einer scheinbar hoffnungslosen Zukunft!

Sie ist nicht hoffnungslos, glaube mir! Stiehl mir mit einem falschen Entschluss nicht mein Leben, so wie es verlaufen ist, mit allen schwarzen Abgründen und hochjauchzenden Höhen! Spring endlich, spring! Dann wirst du als Geschenk eine bezaubernde Tochter zur Welt bringen. Du wirst sie über alles lieben, und sie wird dir später zwei großartige, innig geliebte Enkelkinder schenken.

Natürlich, von deinen Eltern kannst du keine Hilfe erwarten. Ganz im Gegenteil. Sie werden dich mit Vorwürfen überhäufen, wie du dich so an einen ‘Mann unter deiner Würde und deinem Niveau verschleudern kannst’. Nicht einmal zur Hochzeit werden sie kommen. Ihr Enkelkind wird ihnen unerwünscht und fremd bleiben. Der Vater deines Kindes aber wird sich zur Heirat durchringen, auch wenn du es jetzt nicht glauben magst. Deine große Liebe ist er nicht und du sicherlich auch nicht die seine. Die drei kleinen so gewichtigen Worte ‘ich liebe dich’ werden nie zwischen euch ausgesprochen. Jeder wird in seiner eigenen Gedankenwelt leben, ohne besondere verbindende Übereinstimmung. Dennoch werdet ihr viele zufriedene, gar glückliche Tage erleben, allerdings noch weitaus mehr verzweifelt böse. Er wird dich belügen und betrügen. In der Nacht, wenn die seit Tagen erwarteten Wehen endlich einsetzen, wirst du allein sein, hilflos, ohne Telefon. Der werdende Vater treibt sich seit Stunden im Vergnügungsviertel und in Spielhallen herum, verzockt Geld, das euch so bitter fehlt. Erst gegen Morgen wird er zurück sein. Er wird dich ganz offen mit anderen Frauen betrügen, sie sogar nach Hause einladen. Aber er wird eure Tochter lieben, ihr ein guter Vater sein. Ein weiteres Kind jedoch will er auf keinen Fall! Zehn Jahre wirst du an seiner Seite durchhalten. Zehn Jahre, nicht vertan. Denn sie werden dich sehr viel lehren. Danach wirst du das Leben für dein Kind und für dich voll in die eigenen Hände nehmen.

Nach langer Zeit wird dir sogar die wahre große Liebe begegnen. Jene gewich­tigen Worte ‘ich liebe dich’ werden  eure Tage und Jahre hell erfüllen, mal ausgesprochen, mal unausgesprochen: in liebevollen Gesten, in gemeinsamen Gedanken und Ideen, in innigem Miteinander, in leidenschaftlicher Liebe. Nur für ein gemeinsames Kind wird es biologisch zu spät sein … Doch du wirst seine zwölfjährige Tochter gewinnen, auch wenn es eine mühevolle Weile dauern wird, bis ihr, sie und du, euch zusammengerauft habt. Dann jedoch wird sie als dein zweites Kind dein Leben bereichern.

Also spring endlich! Es lohnt sich! Wenn du jetzt nicht springst, was erwartet dich dann? Einsam wie bisher wirst du in deinem tristen möblierten Zimmer hocken, gemeinsam mit deinen Freundinnen vergeblich nach dem ‘Richtigen’ Ausschau halten auf Partys, in Beat-Schuppen, Streifzügen durch die Stadt. Und vor allem wird sich die Trauer um dein verlorenes Kind in deinem Herzen einnisten. Ist das eine verlockende Alternative?

Oh, ich habe dich ja doch endlich erreicht! Unvermittelt eilst du die Treppen zur Arztpraxis hinauf, verkündest außer Atem, der Termin sei gestrichen. Grenzenlos erleichtert verlässt du das Haus, voller Stolz. Die Zukunft wird sich zeigen …

Du bist ins Ungewisse gesprungen, hast mir mein Leben, so wie es war, zurück­gegeben! In großer Erleichterung zerreiße ich diesen Brief.

 


 

Antje Raabe-Pieper

Geboren 1939, haben mich Krieg, langjährige Krankheit, Flucht, Nachkriegszeit geprägt. Schon in der Schule begann ich, kleine Gedichte und Geschichten zu schreiben. Die Schriftstellerei und das Theater waren meine Wunschziele. Der strenge Vater sowie widrige Umstände drängten mich jedoch in den Beruf einer deutsch-/englischsprachigen Sekretärin. Ein Jahr London-Aufenthalt. Arbeit und Familie ließen mir wenig Muße fürs Schreiben, es entstanden dennoch etliche Kurzgeschichten, Gedichte und seit der Geburt der Enkel Geschichten für Kinder. Veröffentlichungen in diversen Anthologien und Portalen, einige Gedichte wurden mit Preisen ausgezeichnet. 2014 Veröffentlichung eines Bändchen ausgesuchter Gedichte “…unter den Narben brennt mein Herz” (deutscher lyrik verlag). Im Jahr 2008 gründeten die Autorin Evelyn Hagen und ich das Duo “Literatur-Cocktail “, viele gemeinsame Lesungen in unserer Heimatstadt Hamburg sowie einige in Berlin. Nach dem Tod meines Mannes bin ich 2013 nach Berlin ins “Betreute Wohnen” gezogen, um in der Nähe meiner Tochter und meiner beiden Enkelkinder zu leben.

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