Es war das beständige, kontinuierliche, allgegenwärtige Ticken der Uhr, das die beiden, die sich in Schweigen gehüllt haben, mit ihren Gedanken in der bitteren Realität festhielt.

Sie saßen sich gegenüber und versuchten ihr Bestes, die Existenz des Anderen nicht zu beachten. Jeder Blick war eine Beleidigung, jedes Wort eine Provokation. Er umklammerte fest sein Besteck, nicht nur aus Frust und Wut, sondern auch, um sicherzustellen, dass es in seiner Hand blieb, und nicht durch die Luft flog, oder plötzlich in ihrem Hals steckte.

Ihre Augen hingen, als drückte sie der Ballast nach unten, den sie mit sich trug. Seine Augen drückten nur die buschigen Brauen, die sich in alle Richtungen ausbreiteten. Sie hasste seine Augenbrauen, und sie hasste es, dass sie nicht symmetrisch wuchsen.

Es war immer so eine Stille im Haus, seitdem das Kind nicht mehr da war. Sie hatten sich angewöhnt, beim Essen fernzusehen. Es ging nicht um das, was lief, in Wahrheit hassten beide das Programm, sie hassten das Fernsehen, sie hassten das Sofa, das viel zu alt war und durchgesessen, sie hassten den Teppich, der einst wohl mal weiß war, aber mittlerweile aschgrau, und den sie einfach nicht mehr sauber bekamen.

Aber noch mehr hassten sie die Stille. Die Stille zwang sie, mit ihren Gedanken alleine zu sein. Sie wollten sich nicht unterhalten. Sie hassten nämlich auch einander.

Seitdem das Kind aus dem Haus war, lernten sie sich erst richtig kennen. Am liebsten hätten sie es noch länger bei sich behalten, aber die Tränen und der Schmerz waren vergeudet.

Das sei eben der Lauf der Zeit, sagte er sich immer. Für sie war es zu viel gewesen. Erst, als es schon mehrere Monate her gewesen war und sie immer noch nicht losgelassen hatte, erkannte er, dass er sie hasste. Und sie hasste, dass er es nicht akzeptieren konnte, dass sie traurig war. Sie hatten zu jenem Zeitpunkt vor zweiundzwanzig Jahren geheiratet, vor achtzehn Jahren war das Kind geboren worden. Und sobald es weg war, merkten sie, dass sie einander hassten.

Der Fernseher war kaputt. Schon wieder. Das letzte Mal konnte er einfach losfahren und einen neuen kaufen. An dem Abend aßen sie das Essen kalt, aber dafür in Gemeinschaft mit dem leisen Summen des Gerätes im Hintergrund und den Stimmen der ganzen Schauspieler und Moderatoren, die sich nicht mochten. Als es dieses Mal passierte, schimpfte er auf die Chinesen und ihre Technik. Sie hasste es, wenn er grundlos andere Menschen beschuldigte, schließlich hatte er den Fernseher gekauft, auch wenn sie meinte, es sei ihr egal, wie viel er kostet, und dass ein Fernseher ja grundsätzlich auch eine Anschaffung für mehrere Jahre sei, und er hasste ihre dummen und naiven Kommentare, und dass sie immer alles besser wissen musste.

Als das Kind wegging, war es achtzehn Jahre alt. Es sei lange genug dagewesen, hatte er immer gesagt. Und sie hatte darauf immer unter Tränen geantwortet, wie er so etwas sagen konnte. Ein Mal warf sie in ihrer Verzweiflung ein Glas auf den Boden, welches daraufhin klirrend in tausend Einzelteile zerbrach, die wie Geschosse durch den Raum sprangen. Die Scherben lagen noch wochenlang auf dem Boden, ohne, dass sich jemand darum kümmerte. Niemand kümmert sich gerne um Scherben. Sie schneiden nur, und tun nur weh.

Er hätte gerne wieder einen Fernseher gekauft, um die billige chinesische Technik zu ersetze, welche er an jenem Abend verfluchte. Aber es war Sonntagabend, und alle Geschäfte waren geschlossen, weswegen er nicht nur auf die Chinesen, sondern auch auf die Ladenöffnungszeiten schimpfte.

Sie machte das wütend und wollte davon gar nichts hören, und sie saßen sich gegenüber und hassten sich so sehr, dass jede Interaktion einen Schwall von Vorwürfen, Geschrei und Tränen zufolge gehabt hätte, und so entschieden sie sich, einfach nichts zu sagen und sich zu ignorieren, und das einzige was zu hören war, war das Ticken der Uhr und das Besteck, das auf dem Porzellan kratzte.

Selten betraten sie das Esszimmer, seitdem das Kind aus dem Haus war. Das Kind war aus dem Haus, und es schmerzte sie beide, aber er überspielte es. Sie musste anfangen zu weinen, als sie fälschlicherweise anfing für drei Leute zu decken, einfach aus Gewohnheit, weil man eben nicht mehr oft in dem Zimmer war, seitdem das Kind nicht mehr da war, und man sich angewöhnt hatte, vor dem Fernseher zu essen.

Sie musste weinen, und ihn machte es wütend, er brüllte, sie soll sich zusammenreißen, und es half, denn das, was in ihr größer war, als die Trauer, war der Hass gegen ihn, weil er sie nicht verstehen konnte, nicht verstehen wollte.

Das Ticken war allgegenwärtig, es war penetrant, und es hielt beide in der Realität. Immer, als er kurz davor war, davon überzeugt so sein, wie einfach es wäre, aufzuspringen, die hässlichen Gardinen herunter zu reißen und seine Frau zu strangulieren, erinnerte ihn das rhythmische, harte, schlagende Geräusch daran, dass er nur ein alter Mann war, ein alter Mann mit grauen Haaren und Bluthochdruck, der wusste, dass der Tod gnädiger ist als die Polizei, und dass er es so lange bis dahin nicht mehr haben würde.

Und immer, wenn sie daran dachte, wie einfach es für sie wäre, aufzustehen und ihre Koffer zu packen und einfach zu gehen, dann wurde ihr schlagartig klar, dass sie eine alte Frau war, mit Falten im Gesicht wie Schluchten, gegraben von den Sorgen und den Geistern der Vergangenheit und den Tränen, die sie vergoss, und dass sie niemanden hatte, an den sie sich hätte wenden können und der sie hätte versorgen können.

Denn das Kind war ja schon längst aus dem Haus. Es war weg, und es würde nie wieder kommen. Achtzehn Jahre alt. Das war schon fünf Jahre her. Dreiundzwanzig Jahre alt wäre es geworden. Was es alles hätte werden können, dachte sie sich oft. Das hatte der Pfarrer damals in der Predigt auch gesagt. Damals, als sie sich vom Kind endlich verabschieden mussten.

Er hätte sie am besten gleich mit vor den Zug gestoßen, dachte er sich häufig. Aber Aussprechen konnte er es nicht. Am Anfang konnte er sie einfach nicht leiden sehen. Mittlerweile hat er sich daran gewöhnt. Dass sie litt, war zum Normalzustand verkommen. Dass es ihm egal war, auch. Sie aßen und kratzten auf dem Porzellan herum, das Besteck fest umklammert.

Zur Abstimmung bitte hier entlang