Ich erinnere mich noch gut an die Geschichten, die man mir damals erzählte. Um mich zu beruhigen natürlich, um mich nicht zu verletzen. Behütet sollte ich sein und abgeschirmt von der Ungerechtigkeit, die das Leben mit Kanonen auf uns schoss.

Aber natürlich geht das nicht. Natürlich versteht auch ein Kind, dass irgendwas ganz falsch läuft, wenn statt des Vaters plötzlich die Tante durch die Wohnungstür kommt. Wenn es statt der Gute-Nacht-Geschichten von Gustav Bär nur Stille gibt in der Wohnung. Ein Kind versteht es nicht so wie die Erwachsenen es verstehen. Versteht nicht die Endgültigkeit, die Konsequenzen, die verlorenen Träume, die nun immer genau das bleiben würden.

Ich verstand auch nicht, was es bedeutete, dass Papa jetzt im Himmel oder an einem besseren Ort ist. Der Himmel war für mich eben das, was da oben meinen Blick begrenzte. Und so sehr ich mich auch anstrengte, ich konnte Papa da beim besten Willen nicht entdecken.

Und an einem besseren Ort?… Welcher Ort konnte schon besser sein als unsere Wohnung? Die die Carrera-Bahn beinhaltete und natürlich Mama und mich. Was ich aber sehr wohl verstand – und da halfen auch die abgeschlossenen Türen nichts und nicht, dass ich nicht mit zur Beerdigung durfte, und nicht die bemüht abgewandten mitleidigen Blicke entfernter Bekannter oder Verwandter – war, dass mein Leben jetzt ein anderes war. Und darauf musste ich mich einstellen.

„Lydia, warum tust du deinen Rucksack nicht einfach in deinen Fahrradkorb?“, fragte mich meine Tante, ratlos, angesichts des kleinen fünfjährigen Mädchens, das sich mehr schlecht als recht mit einem überdimensionierten Arielle-Disney-Rucksack auf seinem Rücken und dem kleinen pinken Kinder-Fahrrad abmühte.

„Geht nicht“, antwortete ich knapp.

„Und wieso nicht?“

„Da sitzt Gozer.“

Besorgte Blicke schossen zwischen meiner Mutter und meiner Tante hin und her. Solche Blicke sind auch so etwas, von dem Erwachsene glauben, wenn sie es nur beiläufig genug machten, würden Kinder es nicht mitbekommen. Nur mein Onkel wirkte unbeeindruckt und half mir kurzerhand in den Sattel.

Ich wusste nicht, wie lange genau Papa zu dem Zeitpunkt schon an einem besseren Ort war, aber seit Kurzem hatte ich drei neue Freunde: Hasi, Bärchen und Gozer. Den Namen von Letzterem hatte ich wohl bei einem illegalen Lauschangriff auf das Erwachsenen-Fernsehprogramm aus dem Film „Ghostbusters“ aufgeschnappt. Dass ich Gozer aus dem Fernsehen kannte, war ausnahmsweise etwas, an das ich mich wirklich nicht erinnerte und das mir nur aus Erzählungen bekannt ist.

Mit Hasi, Bärchen und Gozer teilte ich nun all das, was ich Mama nicht sagen konnte. Weil sie dann traurig und still wurde. Oder dieses Lächeln aufsetzte, das trotzdem so aussah, als würde sie eigentlich weinen.

Ich hatte auch richtige Freunde – so nannte meine Mama sie immer – also solche aus Fleisch und Blut, die richtige Adressen und Vor- und Nachnamen hatten. Aber auch denen konnte ich nicht alles sagen.

„Mein Papa ist auch nicht mehr zu Hause“, sagten die einen, wohl um mich zu trösten. Aber auf Nachfrage schienen sie dann trotzdem zu wissen, wo genau er sich jetzt befand. Jedenfalls konnten sie richtige Städte nennen und nicht nur abstrakte Orte, wie etwa ‘im Himmel’.

„Ist das nicht komisch ohne Papa?“, fragten die anderen. Und was sollte ich darauf schon antworten? Dass ich mich freute, weil wir jetzt öfter Besuch von meinen Verwandten bekamen? Oder dass ich nicht wusste, ob das „komisch“ war, weil ich mich nicht mehr genau daran erinnerte, wie es vorher gewesen war?

Für einige Fragen, Gefühle und Spiele blieben eben nur die drei: Hasi, Bärchen und Gozer.

Wir fuhren mit unseren Fahrrädern gerade einen holprigen Waldpfad entlang, als mein Onkel plötzlich neben mir auftauchte.

„Pass auf, dass Gozer nicht herausfällt“, mahnte er und deutete auf meinen leeren Fahrradkorb. Ich nickte eifrig und hielt eine Hand schützend über meinen Freund. Dass er da war, konnte nur ich sehen und nur ich wissen, aber das genügte.

„Bestärk’ sie doch nicht auch noch darin“, murmelte meine Mutter erbost zu meinem Onkel hinüber. Der zuckte nur mit den Schultern.

„Mir ist lieber, sie spricht mit einem grünen Monster oder einem Hasen oder Bären als mit einem Psychologen.“

Mir war das auch lieber, obwohl ich damals nicht wusste, was diese Worte bedeuteten.

Und so ging ich mit Gozer, Hasi und Bärchen morgens zum Frühstückstisch und abends ins Bett.

Ich kannte ihre Lebensgeschichten. Hasi zum Beispiel stammte ursprünglich aus Amerika. Bärchen hatte drei Geschwister. Und Gozer, na ja, der war eben irgendwie einfach ein unförmiger Kauz, der nirgendwo so richtig herkam und nirgendwo so richtig reinpasste.

Wir vier waren ein eingeschworenes Team. Ich war nie alleine. Nicht, wenn die Erwachsenen „Dinge zu besprechen hatten“, nicht wenn ich abends im Bett lag und versuchte, den Gesprächen zu lauschen, die es in unserer kleinen Wohnung aber sowieso nicht mehr gab. Dann waren da ja immer noch Gozer, Bärchen und Hasi.

Eineinhalb Jahre später stand ich auf dem Grundschulhof, eine große kegelförmige Tüte in der Hand. Tausend Blitzlichter zuckten um mich herum. Mein Onkel kam auf mich zu, kniete sich vor mich auf den rauen Schulhofboden und fragte lächelnd: „Und wo sind Gozer, Bärchen und Hasi heute, an so einem besonderen Tag?“

Ich zuckte mit den Schultern.

„Ich glaube, sie haben eine neue Freundin gefunden.“

Meine Mutter kam nun auch hinzu.

„Und das ist okay für dich?“

Ich nickte. Wieder hatte ich etwas verstanden, ohne dass es von den Erwachsenen gesagt worden war.

Wenn es an der Zeit ist loszulassen, dann blick nach vorne und nicht zurück. Manchmal kommt die Zeit zu früh, wie bei meinem Vater, manchmal merken wir gar nicht, dass wir etwas losgelassen haben, bis es bereits in der Ferne verschwimmt. Und manchmal – das sind die besten der Tage – bekommen wir etwas zurück, das wir bereits verloren glaubten.

Ein ehrliches, aufrichtiges Lächeln meiner Mutter war es, was ich an diesem Tag bekam. Zwar glitzerten noch Tränen in ihren Augen, aber auch das Lachen erreichte sie zur selben Zeit.

Und wenn du ganz viel Glück hast, findest du immer drei Freunde, die dich ein Stück des Weges begleiten.

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