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Reden bringt‘s doch
von Rabea Braunschneider

„Wenn meine Eltern davon anfangen, dann verlasse ich den Raum“, schreibt meine beste Freundin und klingt im Chat verzweifelt. „Und ihnen ist das auch noch egal.“

Ich kann es kaum glauben. „Bestimmt nicht!“

Ihre Antwort lässt nicht lange auf sich warten. „Neulich saß ich weinend in meinem Zimmer, und alles, was gefragt wurde, war: Willst du nicht auch mal in den Garten?

Ich sitze vor meinem Handy und schüttle den Kopf. Für Streit braucht es zwei. Mindestens. Das, was bei meiner Freundin abläuft, ist Streit im Stillen. Da gibt es keine langen Debatten und keine lauten Stimmen. Bei mir läuft Streit definitiv anders ab. Da wird gereizt reagiert, gezickt, gemotzt und auch mal gebrüllt. Es werden Türen geknallt und es wird auf Kissen eingetrommelt. Und trotzdem fühle ich mich jetzt sehr erwachsen, als ich meiner Freundin schreibe: „Du musst einfach mehr mit ihnen reden!“

Eine halbe Stunde später bin ich diejenige, die schreibt: „Vergiss das mit dem Reden. Ich wünschte, ich hätte eben im ‚Gespräch‘ nichts gesagt.“

Aber was war passiert?

 

„Du könntest ruhig öfter mal kochen“, sagt mein Vater. Hinter seiner Kochschürze und dem Holzlöffel, mit dem er die Carbonara umrührt, wirkt er enttäuscht. Ich weiß, er hat es nicht vorwurfsvoll gesagt, aber es fühlt sich so an.

„Ich habe immer bis vier Schule, und dann soll ich mich noch in die Küche stellen? Ich bin müde und ich habe noch Hausaufgaben.“

Er runzelt die Stirn, und ich beiße mir auf die Zunge. Das war der falsche Ansatz. Gleich wird er wieder sagen, dass er bis halb sieben im Büro ist und arbeitet. Und, dass man Schule nicht mit Arbeit vergleichen kann.

„Ach ja? Ich stecke bis halb acht im Büro unter einem Berg von Aufgaben fest“, jetzt wirkt er nicht mehr enttäuscht, sondern verärgert. „Und ich koche trotzdem.“

„Ja, okay. Aber bei mir stehen bald Prüfungen an“, lenke ich ein und versuche, die Lage zu entschärfen. „Ich könnte danach mehr kochen.“

„Mal sind es Prüfungen, mal Partys“, er schüttelt den Kopf. „Manchmal würde ich auch gern so eine Einstellung haben wie du.“

Das ist ja wohl die Höhe! Ich war in den letzten drei Wochen auf einem Geburtstag. Da war von Party keine Rede, ich musste nämlich schon um ZEHN wieder zuhause sein. Mit siebzehn! Das war so peinlich gewesen, dass ich jetzt nicht einmal weiß, ob ich mich noch auf einer Feier blicken lassen kann.

„Was für eine Einstellung habe ich denn?“, frage ich daher angriffslustig.

„Mir gefällt dein Ton nicht“, sagt mein Vater.

„Ach ja? Und mir gefallen deine Unterstellungen nicht!“

Meine Mutter und meine ältere Schwester betreten den Raum. Bis gerade haben sie sich noch unterhalten, aber jetzt unterbrechen sie ihr Gespräch. „Was habt ihr zwei denn?“, meine Mutter schaut uns abwechselnd an. Mein Vater schüttet die Nudeln ab und schweigt. Ich hasse es, wenn er das tut. Dann überlässt er nämlich mir die Entscheidung, zu erklären, wieso schlechte Stimmung herrscht. So als ob ich die komplette Verantwortung dafür hätte.

„Pa glaubt, dass ich eine falsche Einstellung habe“, erkläre ich knapp.

Meine Mutter wirkt erstaunt. „Wieso das?“

„Von falsch war nicht die Rede“, sagt mein Vater.

„Ach ja?“, ich funkle ihn an. „Für mich hörte sich das aber genauso an.“

„Ich habe gesagt, mir gefällt deine Einstellung nicht.“

„Das ist dasselbe.“

„Kann es sein, dass du absichtlich versuchst, meine Worte zu missinterpretieren?“

„Ey hallo, Leute?“ Meine Schwester schaut wie bei einem Tennis-Match zwischen uns hin und her.

„Ist das jetzt wieder dieses ‚aus Prinzip machst du sowieso nicht das, was du eigentlich machen sollst‘?“, frage ich und spüre, wie es in mir kocht. „Ist es wirklich so falsch, dass ich auch einmal gern länger auf einer Party bleiben will?“

Jetzt schaltet sich meine Mutter ein. „Wenn es um diese Party letztens geht: Zehn Uhr ist lang genug.“

„Ist es nicht! Alle dürfen länger bleiben!“

„Du bist nicht alle.“

„Da ist es wieder, das alte Tot-Schlag-Argument“, spotte ich.

„Vorsicht, mir gefällt dein Ton nicht“, ermahnt mich meine Mutter. War ja klar.

„Na ja, aber sie hat schon recht“, versucht meine Schwester jetzt die Wogen zu glätten. „Die meisten bleiben länger.“ Deutlich länger.

„Das meine ich, mit der Einstellung, die mir nicht gefällt“, mein Vater hat die Augenbrauen hochgezogen. „Ihr seid weder alle noch die meisten.“

„Mein Gott, darum gehts doch gerade gar nicht“, sage ich. „Wir haben doch mit etwas ganz anderem angefangen.“
„Es freut mich, dass du darauf zurückkommst“, mein Vater nickt. „Immerhin hast du diesmal nicht komplett den Faden verloren.“

„Bitte was?“ Ich starre ihn an.

„Für gewöhnlich endet das immer in einer Grundsatzdiskussion“, sagt er.

„Du merkst aber schon, dass du gerade selbst gewöhnlich gesagt hast? Das ist so in etwa, wie immer.“

„Ich habe aber nicht immer gesagt.“

„Leute, kommt mal runter“, meine Schwester verdreht die Augen.

„Ich bin ganz ruhig“, meint mein Vater und rührt in der Soße.

„Ich auch!“ Meine Stimme ähnelt der eines Löwen mit Maulkorb. „Du klangst schon mal ruhiger“, sagt er in einem Anflug von Humor, den ich in diesem Augenblick nicht teilen kann. „Deine Carbonara kocht über“, fauche ich, drehe mich um und knalle die Tür hinter mir zu.

In meinem Zimmer kommen mir die Tränen. Der Appetit fürs Abendessen ist mir vergangen.

 

Es klopft. „Herein“, murre ich unwillig und starre auf mein Buch. „Ich habe keinen Hunger.“

„Ich wollte dich fragen, ob du nicht mal Lust hast, mir zu zeigen, wie du deine berühmte Gemüselasagne machst“, sagt mein Vater. „Wenn du mit deinen Klausuren durch bist.“

„Meinetwegen“, sage ich.

Mein Vater räuspert sich. „Der Grund, warum ich dich frage, ob du nicht öfter kochen willst, ist nämlich nicht, dass ich dir Vorwürfe machen will, sondern weil ich mich so gern dabei mit dir unterhalte und mich gleichzeitig von der Arbeit erhole. Und ich hasse es, wenn wir uns streiten.“

Ich hebe meinen Blick und sehe, dass er lächelt. Ich muss zurücklächeln.

Reden bringt‘s doch.

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