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VergissMeinnicht

Gerti ist meine älteste Freundin. Ich war 18, als wir uns kennenlernten, sie 19. Es ging darum, ein Jugendlager vorzubereiten und wir mochten uns auf Anhieb. Sie war eine ebenso verrückte Nudel wie ich und wir kamen aus dem Lachen nicht heraus.
Das Jugendlager, das wir leiteten, wurde legendär. Bei aller Ernsthaftigkeit kamen wir auf die ausgefallensten Ideen, und die Jugendlichen konnten nicht genug davon kriegen.
Abends erholten wir uns von der Anstrengung bei Spaziergängen zu zweit und wir alberten dabei mit Genuss herum.
Ich erinnere mich an eine typische Gerti-Aktion, die ständig Streiche ausheckte, dabei aber immer im Rahmen blieb. Sie war sehr sportlich und ständig in Bewegung. Bei einem dieser nächtlichen Spaziergänge lachten wir uns über irgendeine Albernheit schlapp. Plötzlich nahm Gerti Anlauf und hing an einem Straßenschild. Ich wäre nicht mal mit einem Hocker dort hochgekommen.
„Hilfe“, schrie sie zu einem beleuchteten, offenstehendem Fenster hinauf.
Ein älterer Mann erschien, erschrak und rief: „Halten Sie durch, ich komme!“
Kurz darauf kam er aus der Haustür und eilte, so schnell er konnte, herbei.
„Wenn ich jetzt sage, dann lauf“, konnte Gerti gerade noch sagen, dann kam das Jetzt auch schon. Ich nahm die Beine unter den Arm und rannte los, direkt hinter mir Gerti, die ebenso wie ich vor Lachen fast nicht rennen konnte. Der Mann war völlig verblüfft stehen geblieben. Er hätte auch keine Chance gehabt, uns einzuholen.
Es war in den sechziger Jahren und wir wussten damals noch nicht, dass man uns einmal ‘Die Achtundsechziger’ nennen würde.

Wir wurden beide Lehrerinnen, Gerti studierte Sport und Hauswirtschaft, ich Kunst und Deutsch für das Lehramt an Grundschulen. Wir heirateten und bekamen Kinder, ich ein Pärchen, sie drei Söhne und unsere Scheidungen brachten uns enger zusammen. Nicht, dass wir ständig zusammensteckten, dazu wohnten wir zu weit auseinander. Aber wir waren immer füreinander da.
Und wir wurden zusammen älter. Unsere Themen waren immer dieselben: Von Kindergarten über Einschulung und Pubertät bis hin zum Studium des Nachwuchses.
Sie beruhigte mich, wenn ich mir über meinen Großen Sorgen machte, ich half ihrem Ältesten bei der Diplomarbeit. Ob Kummer, Geldsorgen oder Umzüge, wir konnten uns immer aufeinander verlassen. Und selbst, wenn einmal ein halbes Jahr Funkstille war, weil jede mit sich und ihrem Leben genug zu tun hatte, blieb die beruhigende Sicherheit, dass diese Freundschaft durch nichts zu erschüttern war.

Je älter wir wurden, desto enger wurde der Kontakt. Unsere Kinder waren in die Welt hinausgegangen und, inzwischen Jungsechziger, richteten wir unser Leben als Singles ein.
Und als Gerti eines Tages anrief und glücklich erzählte, sie habe ihre Jugendliebe, der sie all die Jahre nachgetrauert hatte, wiedergetroffen und sie seien zusammengekommen, freute ich mich aus tiefstem Herzen für sie. Sie hatte ein wenig Glück wirklich verdient. Doch wir hatten uns zu früh gefreut. Gregor starb ein halbes Jahr später an einem rasch fortschreitenden Krebs.

Ein Jahr später stand Gerti als meine Trauzeugin neben mir, als ich Roger heiratete. Ich war ganz sicher gewesen, dass so was nie wieder passieren würde. In meinem Alter … Aber es geschah doch.
Gerti übernachtete bei uns, und da kam mir zum ersten Mal etwas komisch vor.
Sie gab mir ihre Handtasche mit den Worten: „Stell sie bitte irgendwo hin, wo du sie wiederfindest. Damit ich sie nicht vergesse.“
Nun ja, ich vergaß auch manche Dinge regelmäßig. Zu dem Zeitpunkt wunderte ich mich nur. Doch als Gerti sich verabschiedete und gehen wollte, fragte ich sie irritiert: „Und deine Handtasche?“
„Welche Handtasche? Hatte ich denn eine dabei?“
Wie? Den Gedanken, der sich mir aufdrängte, schob ich weg. Gerti doch nicht!
„Ja, klar! Sie steht in unserem Schlafzimmer.“
„Was tut sie denn dort? So ein verwirrtes Ding.“
Und wir lachten die kleine Spannung weg, die zwischen uns hing.
Beim Gedanken daran, dass Gerti gleich mit dem Auto via Autobahn nach Hause fahren würde, war mir nicht wohl.

Von da ab hatte ich ein wacheres Auge auf meine Freundin. Wir sahen uns öfter. Und es geschahen immer öfter sonderbare kleine Dinge: Sie klingelte, als sie zum Geburtstag kommen wollte, an einem Haus in der Parallelstraße, das dieselbe Hausnummer hatte wie unseres.
Als ein Mann herauskam, der ihr fremd war, fragte sie ganz verwirrt: „Hallo, seit wann macht denn der Besuch auf, wenn Gäste kommen.“ Der Mann konnte ihr weiterhelfen und schickte sie zu uns.
Sie war nie besonders pünktlich gewesen, aber plötzlich konnte es sein, dass sie zwar zur rechten Uhrzeit, aber einen Tag früher kam. Wenn ich sie am Telefon auf jüngst Vergangenes ansprach, wusste sie manchmal nicht, wovon ich redete.
Und sie veränderte sich. Es schien, als altere sie schneller. Und sie begann, sich zu vernachlässigen.

Zu diesem Zeitpunkt konnte ich die Augen vor dem Offensichtlichen nicht mehr verschließen. Und ich telefonierte mit allen drei Söhnen. Ich kannte sie, seit es sie gab und sie reagierten mit Betroffenheit, waren aber dennoch froh um die Gespräche. Auch sie brauchten wohl jemanden, der aussprach, was sie selbst sich nicht eingestehen wollten.
Und kurz darauf fanden wir uns am runden Tisch ein:
Gerti, ihre drei Jungs, mein Mann und ich.
Es war eine traurige Zusammenkunft, denn es ging auch darum, Gerti klarzumachen, dass etwas nicht mehr ganz so war, wie es sein sollte. Und so seltsam es klingen mag, aber auch sie war froh, dass endlich ausgesprochen war, was sie seit einiger Zeit selbst mit Grauen erfüllt hatte: Demenz! Sie wusste, wie es um sie stand.
Von da ab nahmen die Söhne die Sache in die Hand. Gerti wollte nicht gerne in ein Altenheim, und so fand sich eine Wohnung mit Betreutem Wohnen ganz in der Nähe des mittleren Sohnes.
Ich brachte ihr zur Einweihung eine kleine Palme mit, obwohl ich vermutete, dass sie nicht lange überleben würde, weil Gerti das Gießen vergessen würde. Aber das war egal.
Sie war glücklich, ihren Sohn in der Nähe zu haben und auch der Jüngste schaute nach ihr.
Wir telefonierten häufig, denn sie wohnte jetzt so weit, dass ich noch weniger oft zu ihr kommen konnte.
Ihr ganz großer Kummer war, dass der Arzt, der eine fortschreitende Alzheimererkrankung diagnostiziert hatte, ihr dringend nahegelegt hatte, nicht mehr Auto zu fahren. Doch sie gab den Führerschein ab. Sie war einsichtig, aber todunglücklich.

Zu ihrem 65. Geburtstag fuhren wir hin.
Sie war so glücklich mich zu sehen und hätte mich am Liebsten gar nicht losgelassen. Mir tat es weh zu sehen, wie verwirrt sie war. Und die Söhne nahmen mich auf die Seite und sagten mir, dass es nicht weiter möglich sei, ihre Mutter alleine wohnen zu lassen, sie müsse in ein Heim.
Als wir uns verabschiedet hatten und zum Parkplatz gingen, hörte ich plötzlich Rufe hinter mir: „Rosemai! Warte, ich geh doch mit.“
Ich wandte mich um, und Gerti eilte uns nach, ohne Mantel, in Hausschuhen und mit verwirrten Haaren. Sie wollte zu mir.
Ich ging zurück, nahm sie in den Arm und führte sie mit den Worten: „He, du verrücktes Huhn. Es ist kalt, du erfrierst ja. Heute geht es nicht, aber Kirsten bringt dich mal zu uns, okay?“
„Bald?“, fragte sie strahlend.
„So bald wie möglich.“ Und ich führte sie ins Haus zurück, wo Torsten schon begonnen hatte, nach ihr zu suchen.

Auf der Heimfahrt versuchte ich immer wieder vergeblich, diese Szene aus dem Kopf zu kriegen. Das Herz tat mir weh. Zu sehen, wie die Freundin, die mir fast mein ganzes Leben lang vertraut gewesen war, wie kaum jemand sonst, nach und nach in ein Land verschwand, zu dem es keinen Schlüssel gab, machte mich fassungslos.

Gerti kam in ein Altersheim. Ich hätte sie gern öfter besucht, aber auf die Distanz war es nicht möglich.
Bei einem dieser Besuche, wir kamen unangekündigt, fanden wir sie an der Kuchentafel. Als sie mich sah, begannen ihre Augen zu leuchten und sie sprang auf und umarmte mich.
„Dass du mich besuchst, Rosemai!“, freute sie sich und vergaß darüber ihren Kuchen.
„Magst du nicht erst aufessen?“, fragte ich, „wir setzen uns so lang zu dir. Und dann zeigst du uns dein Zimmer.“
Gerti nickte und griff zur Kuchengabel. Plötzlich beugte sie sich zu mir herüber und flüsterte in Zimmerlautstärke: „Da hast du aber einen netten Kavalier. Den würde ich auch nicht von der Bettkante stoßen. Willst du ihn nicht vorstellen?“
Und ich stellte unserer Trauzeugin meinen Mann vor.
„Nett, dich kennenzulernen. Ich glaub du bist ein Guter“, sagte sie leutselig und kratzte die letzten Kuchenkrümel vom Teller.
„Wollen wir gehen?“, fragte ich.
„Wohin?“
„Du wolltest uns doch dein Zimmer zeigen.“
„Das ist aber mal ne gute Idee“, sagte sie erfreut und erhob sich.
Eine Pflegerin, die am Tisch gesessen hatte, flüsterte mir noch zu: „Zweiter Stock!“ Dann folgte ich Gerti, die meinen Mann zur Treppe führte.
Im ersten Stock wollte sie in einen langen Flur einbiegen.
„Wohnst du nicht im zweiten Stock?“, fragte ich.
„Ach … ja, ich glaube … .“
Wir stiegen eine Treppe höher und auf dem Weg zu ihrem Zimmer erzählte sie sehr empört, dass es in diesem Haus sehr verwirrend zugehe. Sie wisse nie, wenn sie die Zimmertür öffne, was für neue Überraschungen auf sie warteten.
„Stell dir vor, ich hab die Tür aufgemacht und ein fremder Mann hat bei mir im Bett gelegen.“
Mein Mann und ich wechselten einen Blick und mussten ungewollt grinsen. Bei aller Tragik war das komisch.
Gertis Zimmer war geräumig, aber lediglich zweckmäßig eingerichtet. Persönliches fehlte weitgehend und das Einzige, das mich an meine alte Freundin erinnerte, war das kreative Chaos.
Nur am Schrank hingen Fotos, die sicher die Söhne aufgehängt hatten. Ich trat näher und betrachtete sie.
„Ach, Gerti, das sind ja deine Enkelchen! Wie süß.“
Gerti runzelte die Stirn und kam näher. „Enkelchen? Ich hab keine Enkelchen. Ich hab drei Buben. Sie gehen schon in die Schule.“
Ich holte tief Luft und sagte dann behutsam: „So groß sind sie schon?“
„Ja!“, sagte sie stolz, als es plötzlich klopfte.
Gertis Jüngster war gekommen, um mit ihr Eis essen zu gehen. Wir gingen dann zu viert.
„Wie lang sie mich noch erkennen wird?“, fragte ich meinen Mann auf der Heimfahrt.
„Dich noch mit am Längsten, weil du zu ihrer Jugend gehörst.“

Kürzlich habe ich sie wieder besucht.
„Kennen wir uns?“, fragte sie freundlich. Sie saß, wie schon einmal vor einem Kuchenteller.
„Jetzt schon“, sagte ich augenzwinkernd und sie lachte.
„Wie heißt du denn?“
„Rosemai! Und du?“
„Ich bin die Gerti. Und weißt du was?“
„Nein, was denn?“
„Ich hab mal eine Freundin gehabt, die hat grad so geheißen wie du.“
„Ja guck an, wie lustig.“
„Ja, gell.“
„Und wie war sie?“
„Sie war die Beste. Und so eine Lachtante. Weißt du, wir sind mal Boxauto gefahren und sie fuhr immer im Kreis, weil sie es nicht konnte. Ich hab vor Lachen fast in die Hose gemacht.“ Und sie vergaß vor Lachen ganz, weiterzuessen.
Da war sie auf einmal wieder, meine alte Freundin. Der schalkhafte Humor, den ich so vermisst hatte, blitzte für einen Moment in ihren Augen auf. Dann fragte sie unvermittelt: „Hast du auch so eine beste Freundin gehabt?“
„Ja“, sagte ich leise, „ja, die hatte ich.“
„Wie hat sie geheißen?“
„Gerti.“
„Schau an, gerade wie ich. Und wo ist sie?“
„Sie wohnt in einem fernen Land, wohin ich nicht reisen kann, aber irgendwann werden wir uns wiedersehen.“
„Schön.“ Gerti genoss die den letzten Bissen ihres Kuchens. Schließlich strahlte sie mich an: „Da könnt ihr viel Spaß haben.“
„Ja, das können wir.“
Unter Tränen lächelte ich sie an und streichelte sanft ihre Hand.

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