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Der Hut

Nach 160 Jahren stand der italienische Huthersteller Borsalino vor der Pleite. Seine Fedora-Hüte prägten das Lebensgefühl einer Generation und wurden von berüchtigten Mafiosi ebenso getragen wie von legendären Filmfiguren.
Von Alexander Hoffmann

Im Dezember 2017 erfüllt eine Nachricht die Liebhaber eleganter Herrenhüte mit Wehmut – der italienische Hutmacher Borsalino ist insolvent. Der „Borsalino“ ist eine Kultmarke, doch der klassische Hut findet als Bekleidungsstück für Männer immer weniger Freunde.
In den 1920er und 1930er Jahren sieht das noch ganz anders aus im Straßenbild. Kein Mann verzichtet auf einen Hut als Kopfbedeckung, wobei man sich fein je nach sozialer Stellung unterscheidet. Herren der Oberschicht tragen Zylinder oder Melonen, wahlweise auch den Homburg oder den Fedora, Arbeiter dagegen bedecken ihr Haupt mit einem schlichten Filzhut oder einer Schirmmütze. Begegnet man sich auf dem Trottoir, ist es üblich, voreinander „den Hut zu ziehen“. Der Herr mit Stil hat verschiedene Hüte zuhause, um für jeden Anlass gerüstet zu sein. In allen öffentlichen Einrichtungen gibt es in den Garderoben eine spezielle Hutablage.
Als Hut der Extraklasse hat in jenen Jahren der „Borsalino“ längst einen besonderen Ruf. Er wird in der Manufaktur des Guiseppe Borsalino in Alessandria gefertigt. 1857 hatte der 1834 geborene Hutmacher, bald „Meister Guiseppe“ genannt, mit seinem Bruder Lazzaro die Hutfabrik Borsalino gegründet. Von Anfang an setzt der Meister auf höchstes Niveau, jeder Hut wird von Hand hergestellt und ist entsprechend teuer. Sein erstes Modell heißt „Virgilio Dorse“.
Aber vor allem der Huttyp Fedora (benannt nach dem beliebten Theaterstück „Fédora“ von Victorien Sardou aus dem Jahr 1882) wird rasch ein Klassiker. Es ist ein weicher Hut mit nach unten gebogener Krempe, erhältlich in Schwarz, Grau und Braun, gefertigt aus feinstem Kaninchen- oder Nutriahaar in „Qualita Superiore“, mit Lederband und Seidenfutter. Bis in die heutige Zeit durchlaufen die Hüte einen aufwendigen Produktionsprozess. Es gibt keine Hüte, die „auf Lager“ produziert werden – jedes einzelne Exemplar wird nur auf Bestellung eines Händlers hergestellt und ausgeliefert. Sobald eine Order hereinkommt, wird aus dem Rohmaterial mit Dampf die Rohform des Hutes, der sogenannte Stumpen, gefertigt. Aus dem Stumpen entsteht in 120 einzelnen Arbeitsschritten und in bis zu sieben Wochen der fertige Borsalino. Die Hüte weisen Wasser gut ab und bestechen durch ihr geringes Gewicht.
Die Manufaktur blüht bald auf, 1871 werden bereits 300 Hüte pro Tag produziert, als Guiseppe Borsalino 1900 stirbt, sind es bereits 2.000 Stück. Sein Sohn Teresio übernimmt die Führung der Firma, die in den 1920er Jahren bis zu zwei Millionen Exemplare jährlich verkaufen kann. 1939 stirbt der Sohn, doch die Manufaktur bleibt in Familienbesitz.
Die Prominenz trägt Borsalino. In den Hollywood-Filmen wird der Hut zu einem unentbehrlichen Requisit für Privatdetektive und Gangster. Folgerichtig legt sich auch Al Capone einen Borsalino zu. Seinen berühmtesten Auftritt hat der Hut im legendären Film „Casablanca“ als Kopfbedeckung von Humphrey Bogart.
Doch schleichend setzt der Niedergang ein. Es sind zunächst die Studenten, in den späten zwanziger Jahren demonstrativ auf die klassische Kopfbedeckung verzichten. Die jungen Leute halten Melone und Fedora für ein überflüssiges Altherren-Accessoire. Das merkt in den 1930er und 1940er Jahren auch die Hutindustrie in den USA, um mit aufwendigen Werbekampagnen dagegen zu halten. Slogans wie „Sie brauchen einen Hut, um erfolgreich zu sein“ machen die Runde.
Vergebens, denn die Umsätze sinken langsam, aber stetig. Immerhin landet die Hutbranche 1953 einen Coup, als der neue US-Präsident Dwight D. Eisenhower bei seiner Amtseinführung einen Homburg trägt. Prompt verdreifachen sich die Verkaufszahlen. 1961 tritt der Nachfolger John F. Kennedy sein Amt an, die Hutfabrikanten setzen große Hoffnungen in ihn als Werbeträger. Doch Kennedy pflegt lieber das Image des gutaussehenden, jugendlichen Helden. Er legt barhäuptig seinen Amtseid ab. Bald gehen Fotos um die Welt, die einen Präsidenten zeigen, der lässig einen leichten Pullover und Khaki-Hosen trägt, dessen Haare locker im Wind wehen. In den Bildunterschriften ist vom „new american look“ die Rede.
Die US-Hutmacher sind entsetzt. William McKenny, Vizepräsident der Hat Corporation of America, schreibt Kennedy: „Bitte, Mr. President, tragen Sie einen Hut, irgendeinen Hut.“ Ein anderer Hutfabrikant schreibt Kennedy erbittert: „Wie kann ich einen Mann unterstützen, der mein Geschäft zerstört?“ Doch Kennedy bleibt konsequent hutlos. Unter Modehistorikern gilt Kennedy seitdem als „Killer“ des klassischen Herrenhuts. Überall im Westen werden die Hüte zu Ladenhütern. Auch das stilbildende Hollywood reagiert. Im James Bond-Film „Liebesgrüße aus Moskau“ trägt 007 noch einen Hut, ab dem Titel „Goldfinger“ ist es damit vorbei.
Eine Bastion der Huttradition bleibt für eine gewisse Zeit Deutschland. Bundeskanzler Konrad Adenauer verzichtet selten auf seinen Homburg, auch sein späterer Herausforderer Willy Brandt mag als junger Regierender Bürgermeister in Berlin diesen Hut. 1963, als die Fußball-Bundesliga in ihre erste Saison startet, finden sich auf den Rängen im Stadion viele Hutträger.
Wie in den USA setzen auch die deutschen Hutfabrikanten auf Werbung. In Kurorten werden Hutparaden organisiert, es gibt Strohhutturniere, immer begleitet von dem Mantra „Man trägt wieder Hut.“ Auf Dauer hilft das alles nichts. Die meisten der rund 90 Huthersteller allein in Deutschland verschwinden vom Markt. Dass Ostblock-Diktatoren wie Breschnew, Ceausescu und Honecker oft im Hut vor die Massen treten, ist auch nicht gerade imagefördernd.
In den 1970er Jahren brechen die Umsätze ein, bald darauf beginnt die US-Version einer Mütze, die Baseballkappe, ihren Siegeszug. Zum Grausen der Ästheten setzen sich immer mehr Männer, ob Jüngling oder Senior, die Kappen auf. Wenig später kommt die Wollmütze hinzu, doch die meisten gehen nur noch barhäuptig auf die Straße.
Eines der wenigen Unternehmen, die sich relativ erfolgreich gegen den Trend stemmen, ist die Firma Borsalino. Zum 100jährigen Jubiläum 1957 legt man das Modell „Virgilio Dorse“ neu auf, in einer Auflage von exakt 1857 Exemplaren. Der Borsalino mit dem goldenen Logo an der seitlichen Garnitur-Schleife zählt nun zu den bekanntesten Hüten der Welt, der Name steht für eine ganze Gattung und ein Lebensgefühl. 1970 trägt ein Gangsterfilm mit Alain Delon und Jean-Paul Belmondo den Titel „Borsalino“. Und Jahre später ist Harrison Ford in der Reihe „Indiana Jones“ ohne Hut nicht vorstellbar. Der Borsalino und andere exklusive Hüte überleben in einer Nische. Wer ein Statement gegen den Massentrend abgeben möchte, zeigt sich wie Udo Lindenberg bewusst nur mit Hut.
1979 verlässt das letzte Mitglied des Familienclans die Firma Borsalino, die mit wechselnden Eigentümern einem ungewissen Schicksal entgegengeht. In den 1990er Jahren wird noch kräftig modernisiert und expandiert. 70 Prozent der Hüte gehen in den Export, die USA werden zum größten Abnehmer. Dann versucht sich der auf vielen Feldern aktive und etwas windige Geschäftsmann Marco Marenco, in Italien auch als„Gas-König“ bekannt, mit den Hüten. Immerhin setzt das Unternehmen jährlich noch 400.000 Hüte ab. Als Marencos Firmenimperium zusammenbricht, zieht es auch Borsalino nach unten. 2015 muss Borsalino erstmals Insolvenz anmelden. Der Schweizer Investor Haeres Equita übernimmt die mit 30 Millionen Euro verschuldete Firma und möchte den Borsalino mit einem frischeren Image versehen. Junge Leute kennen die Marke kaum noch. Ein Sanierungsplan wird im Dezember 2017 vom Gericht abgelehnt, was zur zweiten Insolvenz führt.
Ganz hoffnungslos ist die Lage aber nicht. Für die 130 Mitarbeiter in Alessandria gibt es noch Arbeit und Aufträge. Vorerst geht auch 2018 die Produktion weiter, Haeres Equita, so dessen Chef Philippe Camperio, sucht nach Lösungen, „um diese ikonische Marke zu erhalten.“ Und ein Gewerkschafter fordert: „Lasst uns ein Kulturgut der italienischen Handwerkskunst schützen.“

Quelle: Rheinpfalz
Autor: Alexander Hoffmann

Bildquelle: wikipedia

          

Alexander Hoffmann ist ebenfalls ein Stammautor unserer Firmenchroniken und Privatbiografien und gehört zu den Spezialisten von Quintessenz Manufaktur.

Sein letztes Buch heißt:  “Hopfen, Malz& Blut” und ist erschienen im Barre-Verlag.

PDF-Leseprobe: https://barre.de/images/aktuelles/Barre_Leseprobe_Hopfen_Malz_Blut.pdf

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