Elvan Akyüz

 

Als Tochter türkischer Gastarbeiter wuchs ich mit dem Satz auf: “Üben, üben, üben!”.
Wenn meine Freunde eine Stunde lernten, sollte ich drei Stunden lernen, denn nur so, meinte mein Vater, hätte ich eine Chance mit ihnen gleichzuziehen. Ich wusste nicht, ob dies der Wahrheit entsprach, denn wieso sollte ich anders sein als meine Freunde? Warum sollten mich meine Lehrer anders behandeln? Ich war doch genau wie sie: ein Kind. Doch, dass sich Menschen  unterschieden und dass ein jeder seine eigene Geschichte mit sich brachte, wurde mir dennoch sehr bald bewusst. Und das war es schließlich, was mich antrieb; die Entdeckung von Geschichten und Geheimnissen. Ich verlor mich in phantastischen Welten und lebte dutzende Leben, durch die Augen fremder Protagonisten. Ich machte sie mein Eigen, ich stieg in mal zu große, mal zu kleine Schuhe und das Fremde wurde langsam zu Vertrautem. Anderen Menschen diese Welten zu eröffnen, ihnen dabei zu helfen, Berge zu erklimmen und weite Horizonte zu erblicken, habe ich mir daher zur Lebensaufgabe gesetzt. Ich stehe erst am Beginn meiner beruflichen Karriere als Lehrerin, doch eins weiß ich gewiss: wir alle sind neugierig, wir alle mögen Geschichten.