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Au weia! Le Patron
von Thomas Klinger

Wieder einmal war ich mit einem Kollegen auf Installationstour, diesmal in Nordfrankreich. Eine Strickwarenfabrik sollte ein Grafiksystem zum Entwerfen von Strickmustern bekommen. Allein die Schilderung der Fabrik könnte durchaus ein eigenes Kapitel verschlingen. Das Gelände, die Gebäude und die dort arbeitenden Menschen hätten eine glaubwürdige Kulisse für einen Film über das 19. Jahrhundert abgegeben: Graue Backsteingebäude, grauer Schlamm im Hof, Arbeiterinnen mit grauen Gesichtern und grauen Schürzen, das ganze überspannt von einem grauen Novemberhimmel. Nicht zu vergessen der allgegenwärtige patron mit seiner grauen Strickjacke. Überall flogen Wollflusen herum, setzten sich auf unsere Kleider und ins Innere des Gerätes. Übermütig lästerten mein Kollege und ich über die Zustände. Da wir nicht die Arbeiter-Stehklos im Hof benutzen wollten, mussten wir in die benachbarte Villa des Eigentümers gehen, wobei wir uns an 2 riesigen grauen leicht knurrenden Doggen vorbeimogeln mussten. Monsieur le patron hatte einen ordentlichen Buckel und einen etwas schiefen Mund, und so hatte er bei uns schnell den Spitznamen „Klöckner von Notre-Dame“ weg. Als wir ihn wieder einmal so benannten, stand er direkt neben uns und sagte in astreinem Deutsch: „Meinö Errön, darf isch Sie zum Essön einladön?“.  Gesichtsröte ca. 98 % !
Er fuhr uns über viele flache graue Dörfer zwischen flachen grauen Feldern, und wir betraten ein graues flaches Häuslein. Das Innere entpuppte sich als ein Spitzenrestaurant, und wir tafelten etwa zweieinhalb Stunden, wobei er erzählte, dass er als Kriegsgefangener in Baden gearbeitet hätte. Wieder Gesichtsröte. Nach etlichen Gläsern grand cru war an ein zielgerichtetes Arbeiten für den Rest des Tages nicht zu denken.
Nach erfolgreicher Installation und Schulung wollten wir am folgenden Tag ohne eine weitere Übernachtung nach Bonn zurückfahren. Es war stockdunkel  und sehr neblig als wir versuchten die Autobahn zu erreichen. Offensichtlich hatten wir uns verirrt, denn die Straßen wurden immer schmaler und schmaler, wohin wir auch abbogen. Zudem verfolgte uns seit geraumer Zeit ein Fahrzeug, was wir auch nicht abhängen konnten. Schließlich überholte der Verfolger in einem halsbrecherischen Manöver und stellte den Wagen quer! Überfall? Nein, es war der patron. Er hatte beim Wegfahren bemerkt, dass wir die falsche Richtung eingeschlagen hatten. Nach vielen Entschuldigungen geleitete er uns zur Autobahnauffahrt.
Noch heute treibt mir diese Erinnerung gelinde Schamröte ins Gesicht.

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