Aftermath – die ANUAS Thementage in Berlin

Unser Reise mit der Bahn begann wie man es bereits aus vielen Erfahrungsberichten kennt. Hier am Ort wurde eine wichtige Eisenbahnbrücke abgerissen, deshalb bekamen wir sehr kurzfristig einen “Verspätungsalarm” mit dem Hinweis, dass der Zug ausfalle. Aha. Ja, klar, eine Eisenbahnbrücke abzureißen macht man sicher mal zwischendurch und lange Planungen gelten als eher überbewertet. 😉 Ja, wir fragten uns schon, warum man das zum Zeitpunkt der Buchung nicht wusste.
Das Ende vom Lied war, dass wir tatsächlich mit dem Auto nach Darmstadt fuhren mussten, um dort im Parkhaus “mittlerer Goldpreisklasse” die nächsten Tage das Auto abzustellen. Bereits am frühen Morgen war es schwül-heiß und wir freuten uns tatsächlich als wir die kurze Strecke bis Frankfurt im klimatisierten Zug saßen. In Frankfurt mussten wir wegen der Umbuchung eine knappe Stunde warten, auch die verkehrte Wagenreihe – alles Kinkerlitzchen. Aber wir waren dann schon nach knapp 4, 5 Stunden im dampfenden und 35° heißen Berlin. Jetzt nur noch mit der S-Bahn bis Friedrichsfelde-Ost.

Als wir dann im Hotel eincheckten, stellten wir mit Schrecken fest, dass es keine Klimaanlage gab und, da wir ein Südwest-Zimmer zur Hauptverkehrsstraße raus hatten, auch keine Hoffnung auf einen kühlenden Luftzug. Zwischendrin tauchte völlig frisch und voller Elan Marion Waade, Vorsitzende und Gründerin von ANUAS auf. Der erste Eindruck, den ich am Telefon und auch durch unseren Email-Verkehr bestätigte sich: Marion Waade ist tatkräftig, auf Menschen zugehend, konkret und ihr Mann Günter stützt sie dabei und bringt sich ein, wo er kann. Während mein Mann und ich die folgenden Tage immer mehr verwelkten, stellten wir beide nüchtern fest, dass sie völlig unangefasst von der Hitze ihren Energielevel hielt. Bewunderungswürdig.
Der Sonntagabend begann dann mit einem Buffet und einem Ausblick auf die kommenden Tage.

Der Montag

wurde als Kennenlerntag voran gestellt. Start: Eine dreistündige Bootsfahrt auf dem Müggelsee, wo eine leichte Brise (oder war es der Fahrtwind?) erfrischte. Hier konnten wir erste Kontakte knüpfen und nebenbei Berlins Osten mit anderen Augen sehen. Hier verwahrloste leere Fabrikhallen, dann wieder luxuriöse Neubauten (wohl kaum sozialer Wohnungsbau), charmante Einfamilienhäuser aus den 30ern mit wundervollen Baumbestand und dann wieder neu belebte Villen und Gründerzeitstadthäuser.

Nachmittags hatten wir die Chance mit kompetenter Begleitung an einer Führung durch das Rote Rathaus teilzunehmen. Die dicken kühlenden Mauern nahmen uns freundlich auf und wir bewunderten den sogenannten ‘runden Tisch’, Veranstaltungssäle, kunstvolle Glasfenster aus den Anfangszeiten des geteilten Berlins mit den Wappen aller Stadtbezirke (!) und obwohl leider wenig Zeit war, bewunderte ich mit meinem Mann die Fotografien vom Begründer des Bildjournalismus Dr. Erich Salomon.
Wer danach noch Energie hatte – selbstverständlich Marion Waade – fuhr hoch auf den Fernsehturm am Alex und betrachtete das schwitzende Berlin von oben. Und alles organisiert und auf Einladung des Bundesverbands. Top.

Abends fand die Lesung mit dem Autor und Profiler Axel Petermann statt. Herr Petermann las leise und leider auch auf gleichbleibender Tonlage. Ein direkt am Tisch zu nah aufgestelltes Mikrophon erzeugte Rückkoppelungen. Nicht praktikabel, so legte er das Mikrophon auf die Seite, was wir bedauerten, denn so fanden einige Informationen nicht den Weg zu den Ohren von uns aufmerksamen Zuhörern. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir nicht mehr so gut hören.
Axel Petermanns Biografie ist facettenreich, er brachte unter anderem das Profiling nach Deutschland und arbeitet auch jetzt noch nach seiner Pensionierung beratend im Auftrag von Privatpersonen an unaufgeklärten Mordfällen. Eine solcher Einblick in die Arbeitsweise ist sicher oft ein Hoffnungsstrahl für Angehörige, die seit Jahren nicht wissen, wer das Kind bspw. ermordet hat.

Dienstag

Nach dem Frühstück versammelten sich die Teilnehmer um mehr von der Arbeit des Detektivs Stefan Bosselmann zu erfahren. Für Familien, die Angehörige vermissen ein interessantes Thema. Die Mediatorin Anke Lamm stellte die klassische Mediation vor.
Leider kam ich recht spät und der Saal war voll besetzt, und dass vorn noch Plätze frei waren hatte ich nicht bemerkt. Nach ca. 20 Minuten gab ich auf – ich hörte hinten nichts, weil der Raum durch einen Raumteiler (Rundbogen) den Schall nochmals brach. So nutzte ich die Zeit und wählte die Geschichte aus, die ich am Abend lesen wollte.
Nach dem Mittag sicherte ich mir einen Platz in der ersten Reihe und konnte mitverfolgen, wie stark Angehörige traumatisiert sind, wenn sie ihr Kind verloren haben.
Thema war “Täter Opfer-Ausgleich” und Frau Veronika Hillenstedt aus Oldenburg, die als Ersatz eingesprungen war, versah sich unmittelbar auf dem heißen Stuhl. Allein der im Gesetzestext offiziell eingetragene Begriff des Täter-Opfer-Ausgleichs verschloss die Ohren und zum Schutz auch die Herzen. Eine Mutter die ihre Tochter durch Mord verloren hatte, äußerte wütend:

“Ausgleich? Mein Kind ist tot, wie willst Du das ausgleichen?!”

Ein zustimmendes Murmeln war zu hören, und mir tat das alles sehr leid, denn damit war für mich der Vortrag fast zum Scheitern verurteilt. Frau Hillenstedt versuchte durch eine ruhige Haltung die Ablehnung zu entkräften: “Ja, das geht nicht,” antwortete sie, “aber wir können – wenn Angehörige das wollen – das “Warum” welches lange die Familien quält, versuchen gemeinsam herauszufinden”. Letztendlich drang sie nur bei drei Betroffenen durch. Ein Angebot, welches angenommen aber auch abgelehnt werden kann, nicht mehr, nicht weniger.

Hier muss ich jetzt für alle Blogleser*innen, die wie ich gottseidank und hoffentlich niemals solche Erfahrungen machen, etwas erklären. Nicht nur durch den Verlust des geliebten Menschen, sondern auch durch wirklich herzlose Bürokratie von Krankenkasse, Polizei, Staatsanwaltschaft, von all den “Aktenzeichen-Vorgängen”, die Endlosschleife, immer wieder alles von vorne erzählen zu müssen, jedes Mal neu durch die Hölle gehen zu müssen, destabilisiert selbst das stärkste Fundament. Ehen scheitern darüber und Jobs gehen verloren weil niemand wirklich hilft. Dort wo staatliche Hilfe versagt, fängt die Arbeit von ANUAS an. Ich und sicher auch alle Autor*innen sind froh, hier mit unserem Buch Über Mut – Über Leben – Vom Opfer zum Helden  die Arbeit unterstützen zu können, und ich bitte hier bei dieser passenden Gelegenheit darum: macht Werbung für dieses wichtige und schöne Buch mit dem schweren Thema. Wir brauchen viel Aufmerksamkeit, wir bräuchten prominente Fürsprecher, Geld für Werbung – aber all dies haben wir nicht. Aber wir können auch alle unentgeltlich helfen. Teilen, Freunden und Familienmitgliedern, Kollegen und Vereinsmitgliedern davon erzählen, soziale Einrichtungen, die mit dem Thema zu tun haben könnten, informieren und  es vielleicht sogar als Einstieg in Gespräche verwenden.

Am Abend habe ich dann aus unserem Buch Über Mut – Über Leben (in doppelter Lesart) – Vom Opfer zum Helden vorgelesen, auch Du fehlst vorgestellt und ich wurde reich beschenkt. Ein Ölgemälde – mit einem Buch – erstellt in der Kreativwerkstatt von ANUAS und viele Eindrücke von warmherzigen und offenen Menschen nahm ich mit nach Hause und schließe nun meinen Rückblick mit einem Dank für das Vertrauen der Gespräche, für manches Lächeln und das aufmerksame Zuhören.  Ich möchte Euch dringend zum Schluss noch einige Videos auf der Seite von ANUAS empfehlen. Ob die Sendung aus “Panorama” bis  oder “BILD” – es gibt viele Filme, die viel mehr erklären. Von rechtlichen Fallstricken bis zu Selbsthilfevereinen Depression.

Wirklich ganz, ganz großartig finde ich die Musikproduktion vom Mittwoch, die musikalisch den Angehörigen aus dem Herzen spricht. Nehmt Euch unbedingt die Zeit, dass hier anzuhören.

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Nicht Trauer – sondern Trauma

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