Wenn das meine Tochter täte – Trampen II

Wenn das meine Tochter täte – Trampen II

 Ein wildfremder Fahrer zahlt meine Schulden

Es gab mehrheitlich gute Erfahrungen beim Trampen, doch diese Geschichte ist unübertroffen. Trotzdem behaupte ich immer noch: Wenn das meine Tochter täte, ich wäre komplett neben der Spur und hätte nur noch Angst um sie.

1983. Mann,  war ich sauer! Aber auch aufgelöst. Mir war ein Schreiben ins Haus geflattert (wieso flattern die eigentlich, wenn es keine Luftpost ist?) bei dem mir – gelinde gesagt-  das Herz in die Hose rutschte. Da wurde mir vom Hauptzollamt eine Vollstreckungsankündigung geschickt, weil ich – mittlerweile mit Verzugszinsen – meiner Krankenkasse wohl  1.600 DM schuldete? Allein dieses monströse Wort, es klingt schon so hässlich wie es gemeint ist: Vollstreckungsankündigung.

Aufgeregt griff ich zum Telefon, das musste ein Missverständnis sein, doch nach zwei Stunden mit verschiedenen Gesprächspartnern war ich am Boden zerstört. Ich hatte herausbekommen, dass ich tatsächlich Schulden hatte, von denen ich bis dato nichts wusste. Wie das? Ein Lehrstück aus dem Bilderbuch, warum junge Frauen ihre Finanzen nicht ihren Lebenspartnern überlassen sollten. 1 ½ Jahre zuvor hatte ich meinem damaligen Freund Geld gegeben, damit er für mich diesen Betrag für die Krankenversicherung überweisen sollte. Er muss es wohl „vergessen“ haben. Mittlerweile waren wir getrennt und ich wohnte in einer anderen Stadt in einer WG und hatte einen schlecht bezahlten Job. Ich wusste gar nicht wie ich das jetzt bezahlen sollte.

Mein jetziger Freund war ein ‚Z2‘, also Zeitsoldat für 2 Jahre, und würde wohl auch nicht die nächste Woche nach Hause kommen. So beschloss ich spontan zu seiner Kaserne zu trampen, um mich mit ihm zu beraten. Handy gab es noch nicht, ein Anruf in der Kaserne war also ähnlich intim wie wenn Fischverkäufer auf dem Markt, wenn  Aale anpreisen. So stellte ich mich mit immer noch verheultem Gesicht an die Autobahn und wartete. Ein Auto hielt an, drinnen saß ein harmlos aussehender Mann um die  60 Jahre. Tramperinnen mussten sich zuerst immer das Autokennzeichen einzuprägen, man wusste ja nie und so warf ich noch einen Blick auf das Nummernschild und fragt ihn, bis wohin er fahren würde. Erfreut stellte ich fest, dass ich nicht nur eine Teilstrecke mitgenommen wurde, sondern die ganze Strecke. Das Autoradio dudelte leise und wir haben die ersten Minuten nicht weiter gesprochen, bis er wieder sich in den Verkehr eingefädelt hatte. Mit einem Blick in mein Gesicht deutete er auf das Handschuhfach und meinte nur, da wären Taschentücher drin, wenn ich welche brauche. Ich schüttelte nur verneinend den Kopf. Nach 5 Minuten fragte er, warum ich trampen würde und sprach weiter, dass er gern Anhalter mitnehme, weil er so viel beruflich im Auto sitzen müsse, dass er gern mal ein wenig Unterhaltung hat. Ich wollte nicht unhöflich sein und meinte ehrlich, dass ich gerade pleite war, weder einen Führerschein, noch genügend Geld für eine Zugfahrt hätte und dringend mit meinem Freund sprechen müsse.

Ob ich denn mit meinem Freund verkracht wäre, weil ich geweint hätte. Nein, es stand wirklich nicht zum Besten mit unserer Beziehung, weil er so wenig zu Hause war, aber das wäre nicht der Grund. Er fragte in seiner unaufdringlichen Art und Weise mich so geschickt aus, dass ich immer mehr preisgab. Als wir ankamen stellte er fest, dass es ja schon Nachmittag sei und fragte, ob ich bei Nacht wieder zurücktrampen würde. Ich bejahte. Plötzlich erwiderte er mit entschlossener Stimme, dass er sowieso hier in diesem Hotel übernachten würde, er würde mir ebenfalls eine Übernachtung bezahlen. Selbstverständlich in einem separaten Zimmer. Ich muss ihn ungläubig angeschaut haben und so ganz wollte ich dem Frieden nicht trauen. Er ließ mich aussteigen, damit ich an der Rezeption schon mal die Zimmer ordere, während er das Auto parken würde. Ich war hin- und her gerissen, denn bisher war er mir vertrauenswürdig vorgekommen, doch das war ein bisschen zuviel des Guten und ich hatte Bedenken, dass er dafür eine Gegenleistung erwartete. Andererseits, ja, das war verlockend und ich wollte ihn auch nicht vor den Kopf stoßen. So ging ich rein, bat bei der Wirtin um zwei Einzelzimmer die möglichst weit auseinanderlagen, was diese ohne viel Worte verstand. Ich ging raus, gab ihm den Schlüssel und wollte mich auf den Weg zur Kaserne machen, da bat er mich, ob ich unten im Gastraum noch vorbeischaun würde, wenn ich wieder kam. Das alles war so liebenswürdig, dass ich es versprach.

Kurz, das Treffen mit meinem mehr als übellaunigen Freund hatte wider Erwarten nicht in einem –„Wir schaffen das Schatz …“ geendet, sondern, um dem Tag den letzten freundlichen Rest von Hoffnung zu nehmen, endete es mit seinen Worten: “Es ist wohl besser, wenn wir uns trennen.“ Da stand ich. Draußen vor der Kaserne, im herbstlichen Halbdunkel, außerhalb des Ortes und war schockiert. Ich konnte noch nicht weinen, ich war viel zu sehr verletzt. Ich lief den langen Weg von der Kaserne zurück, und es war bereits später am Abend, als ich das Hotel erreichte. Der Rest ist selbst heute noch ein wenig märchenhaft. Ich schaute wie versprochen in der Gaststube vorbei. Ich wollte nochmals danken und gute Nacht sagen, um mich dann auf das Bett zu werfen, um endlich weinen zu können. Doch es kam anders. Mein Fahrer war als Vertreter mit vielen Berufsjahren mit soviel Menschenkenntnis ausgestattet, dass er sofort mein sehr blasses Gesicht richtig interpretierte. Er bot mir seine letzte Zigarette an, die ich dankbar und still rauchte. Er zog eine neue Schachtel aus dem Automat, während ich immer noch wortlos am Tisch saß und den Bierdeckel zerpflückte. Irgendwann fragte er, wieso ich so blass sei. Ich erzählte leise, was soeben passiert war, worauf er , einen Cognac und eine deftiges Abendbrot für mich bestellte und befahl „ Auf Mädchen, runter mit dem Zeugs!“ und schob mir den Cognac zu „und dann wird erst mal was gegessen . Danach gehst Du schlafen und morgen beim Frühstück sehen wir weiter.“  So einen, hätte ich mir als Onkel gewünscht. Wehrlos nickte ich. Am nächsten Morgen frühstückten wir zusammen, wo er mir verkündete, dass er mich jetzt erstens wieder nach Hause fahren würde, und zweitens, da er keine Kinder hätte, er mir jetzt das Geld für die Krankenkasse schenken würde. Unter der Bedingung, dass ich ihn in die WG mitnähme und er sich dort umsehen dürfe. Er kenne das nur aus der Zeitung. Ich stand so neben mir, dass ich die ganze Zeit wohl nur wiederholte:  Das ich das mit dem Geld irgendwie hinkriegen würde, aber die Rückfahrt gern annehmen würde, und wir dann auch gern zusammen noch einen Tee in der WG trinken können.

Als ich Mittags wieder ankam, waren meine WG-Mitbewohner da und staunten nicht schlecht als ich mit ihm dort ankam und den Teekessel aufsetzte. Wir saßen dann noch zu viert in der Küche, unterhielten uns, meine befreundeten WG-Genossen erfuhren nun auch was passiert war, und jeder war unglaublich nett zu mir und versuchte mich aufzuheitern. Nach einer Stunde stand mein liebenswürdiger Begleiter auf, verabschiedete sich von uns allen, dass es ihn gefreut habe uns allen kennenzulernen und es wäre seit langem für ihn mal ein paar abwechslungsreiche Stunden gewesen. Oft, wirklich oft bedankte ich mich für alles und war dann doch sehr erschöpft als er ging. Ich ging ins Zimmer und schlief sofort ein und habe nicht mitgekriegt, dass es nach einer halben Stunde nochmals an der Tür geklingelt hat. Als ich aufwachte lag ein Umschlag vor meiner Zimmertür. Darin 1.600 DM und ein Gruß mit dem Rat, doch künftig nicht mehr zu trampen. Er wünsche mir viel Glück im Leben. Da musste ich dann doch nochmal weinen.

#Philantrop #Empathie #Einsamkeit #Verantwortungsbewusstsein #Generationsunterschied

 

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Auszüge aus meinen #Biografieskizzen – denn, wie sagte meine Mutter früher: “Eines Tages schreibe ich meine Memoiren!” Das hat nicht geklappt, aber dafür ist Ihre Tochter heute #Biografin bei Quintessenz für #Privatbiografien. Damit sich der Kreis schließt, will besonders mein Mann Thomas Klinger, dass  ich für meine Tochter über mein – nun sagen wir es euphemistisch – abwechslungsreiches Leben schreibe. 😉

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Über den Autor:

In den 60ziger Jahren aufgewachsen, die Generation vor mir hatte sauber den Muff unter den Talaren weggekehrt. In den 70ern kamen neue politische, meist grüne, Themen, in der Musik war mehr Avantgarde, Glitter und Pompösrock. Steve Jobs und Bill Gates machten sich auf die Welt zu verändern und das Telefon hatte noch eine Wählscheibe. Man lebte in WGs, führte Diskussionen über Putzpläne, studierte oder machte eine Ausbildung. Man organisierte sich 'offline' nur mit einer mündlichen Absprache und Hilfe einer Uhr. Im Urlaub schrieb man vielleicht Postkarten und knipste Bilder auf Filmrollen und man reiste per Anhalter oder mit dem Zug. Doch die Zeiten bleiben bewegt. Mit meinem Mann leite ich heute Quintessenz – die Manufaktur für Chroniken [ www.quintessenz-manufaktur.de ] und jeden Tag begegnen uns neue Menschen, deren Geschichten und neue Themen.

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