Vor 100 Jahren – Fritz Haber – der Janusköpfige

Vor 100 Jahren – Fritz Haber – der Janusköpfige

von Alexander Hoffmann

Anfang 1918 tobt der 1. Weltkrieg im vierten Jahr, ein Ende des Blutvergießens ist nicht abzusehen. In Deutschland setzt man alle Hoffnungen auf die große Frühjahrsoffensive, die an der Westfront in Frankreich die Entscheidung gegen die Alliierten bringen soll. Russland ist geschlagen, nun hat man gegen Franzosen und Engländer eine personelle Übermacht, solange die USA als dritter Gegner nicht genügend Soldaten über den Atlantik herbeigeschafft haben.

Für die „Kaiser-Schlacht“ wird jede Menge Artillerie aufgefahren, auch die Gegner rüsten sich damit. Jede dritte Granate enthält Giftgas, 1918 wird das Jahr, in dem diese scheußliche Waffe von beiden Seiten am meisten eingesetzt wird.

In der Reichshauptstadt Berlin sitzt mit Prof. Fritz Haber ein wissenschaftlicher Berater des Kriegsministeriums, der als Chemiker Weltruhm genießt. Doch stolzer ist der 50jährige auf seinen Rang als Hauptmann der Reserve und auf seine Uniform. Haber hat 1915 den ersten Giftgaseinsatz in Ypern ermöglicht. Haber ist glühender Patriot, der konvertierte Jude überkompensiert damit auch den Antisemitismus, der ihn im Kaiserreich lange am Fortkommen gehindert hat. Die Idee, Giftgas einzusetzen, um die im Stellungskrieg erstarrten Fronten zu durchbrechen, trieb früh auch die Alliierten um. Doch Deutschland schlug dank seiner überlegenen Chemieindustrie zuerst zu, begünstigt durch Habers glänzendes Organisationstalent. Er hatte alle Vollmachten, später schrieb er: „Ich war einer der mächtigsten Männer in Deutschland.“

In Ypern fielen dem Chlorgas rund 1.200 Franzosen zum Opfer. Doch bald schlugen die Alliierten mit eigenem Giftgas zurück. Neben Chlorgas wurden die noch viel giftigeren Substanzen Senfgas und Phosgen an die Front geworfen. 1918 sprechen die Generäle zynisch vom „Buntschießen“, von der Technik, verschiedene Giftgase auf einmal einzusetzen.

Als Haber in einem frühen Stadium des Kriegs mit der Entwicklung der Giftgaswaffe begann, reagierte seine Frau, die hochbegabte Chemikerin Dr. Clara Immerwahr, mit Abscheu darauf. Sie nahm auch öffentlich gegen ihren Ehemann Stellung, und wenige Tage nach dem ersten Giftgasangriff in Ypern 1915 erschoss sie sich mit Habers Dienstpistole. Ihr Tod blieb geheimnisumwittert. Offiziell hatte sich eine psychisch Kranke das Leben genommen, eine andere Lesart konnte die kriegführende Nation nicht gebrauchen. Doch höchstwahrscheinlich trieb sie die Verzweiflung über den Weg ihres Ehemanns in den Tod. Der machte sich übrigens ungerührt kurz nach dem Selbstmord auf eine Reise an die Ostfront in Galizien, wo ein weiterer Giftgaseinsatz geplant war.

Seine Janusköpfigkeit umschrieb Fritz Haber mit dem Motto „Im Frieden für die Menschheit, im Krieg für das Vaterland.“. Ein Jahr vor Ausbruch des Kriegs hatte Fritz Haber mit einer zivilen Großtat Weltruhm erlangt. Als Direktor eines Chemie-Instituts der renommierten Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft in Berlin arbeitete er mit dem kongenialen Carl Bosch von der BASF in Ludwigshafen an dem Projekt „Brot aus Luft“. Es ging darum, Luftstickstoff in einer für Pflanzen aufnahmefähigen Chemikalie zu binden, um diese für die künstliche Düngung zu nutzen. Nach endlosen Versuchsreihen gelang 1913 die Herstellung der Chemikalie Ammoniak. Dieses „Haber-Bosch-Verfahren“ gilt als die wichtigste industrielle Erfindung des 20. Jahrhunderts.

1918 verschwendet Fritz Haber wenig Gedanken an das Zivile. Er verbeißt sich weiter in seinen Gaskrieg, der eskaliert, ohne je kriegsentscheidend zu werden. Allerdings werden bis Kriegsende fast 100.000 Soldaten dem Giftgas zum Opfer fallen, werden qualvoll auf dem Schlachtfeld ersticken. Die deutsche Frühjahrsoffensive schlägt fehl, im Herbst 1918 ist Deutschland mit seiner Kraft am Ende. 1925 wird der Gaskrieg völkerrechtlich geächtet. Im 2. Weltkrieg wird nicht einmal Adolf Hitler den Einsatz von C-Waffen wagen, wenn auch nur aus Furcht vor Vergeltung.

Die deutsche Niederlage 1918 deprimiert Haber tief. Die Alliierten suchen ihn kurzzeitig als Kriegsverbrecher, er flieht in die Schweiz. Doch es kommt zu keinem Prozess und er kehrt nach Deutschland zurück. 1919 beschert ihm das Leben noch einen Höhepunkt – ihm wird rückwirkend für 1918 der Nobelpreis für die Ammoniaksynthese verliehen. Den Gaskrieg verteidigt er weiterhin, so 1920 mit den Worten: „Die Gaskampfmittel sind gar nicht grausamer als die fliegenden Eisenteile.“ Später allerdings soll er die Sache doch etwas kritischer gesehen haben.

Ungebrochen bleibt Habers Vaterlandsliebe. So befasst er sich mit dem Projekt, Gold aus Meerwasser zu filtern, um einen Beitrag für die deutschen Reparationen zu leisten. Haber leitet nun die Degesch, die Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung. 1922 erfindet die Degesch ein Schädlingsbekämpfungsmittel namens Zyklon B.

Das Vaterland vergilt ihm seinen überbordenden Patriotismus schlecht. Als die Nazis an die Macht kommen, kann Haber nicht verhindern, dass seine jüdischen Mitarbeiter entlassen werden, dass auch er 1934 nach Cambridge in England emigrieren muss. 1934 stirbt er verbittert während einer Reise nach Basel. Wenigstens muss er nicht mehr erleben, dass das Zyklon B in den Vernichtungslagern zur fabrikmäßigen Tötung von Juden eingesetzt wird.

 

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