Vor 100 Jahren Egon Erwin Kisch – der rasende Reporter

 

Vor 100 Jahren Egon Erwin Kisch – der rasende Reporter von Alexander Hoffmann

Am 12.11.1918 bricht Österreich-Ungarn im Strudel der militärischen Niederlage im 1. Weltkrieg zusammen. Der Kaiser und damit das Haus Habsburg danken ab, das einstige Vielvölker-Imperium zerfällt in viele kleine Staaten. In Wien wird an diesem Tag vor dem Parlamentsgebäude die Republik Deutschösterreich ausgerufen. In den Straßen der Metropole wimmelt es von Demonstranten, es riecht nach Revolution.

Ein Hauch von Operette (man ist schließlich in Wien) ist auch dabei, als an jenem 12. November ein Trupp der „Roten Garde“ unter Führung eines Journalisten namens Egon Erwin Kisch in das Redaktionsgebäude der „Neuen Freien Presse“ eindringt. Im Treppenhaus begegnet Kisch seinem Bruder Paul Kisch, der als Wirtschaftsredakteur bei der Zeitung arbeitet.

Es entspinnt sich folgender Dialog:

„Was willst du hier, Egon?“

„Das siehst du ja. Wir besetzen eure Redaktion.“

„Wer – wir?“

„Die rote Garde.“

„Und warum wollt ihr gerade die Presse besetzen?“

„Weil sie eine Hochburg des Kapitalismus ist.“

„Mach dich nicht lächerlich und schau, dass du weiterkommst.“

„Paul, du verkennt den Ernst der Lage. Im Namen der Revolution fordere ich dich auf, den Eingang freizugeben. Sonst…!”

„Gut, Egon. Ich weiche der Gewalt. Aber eins sage ich dir: ich schreib‘s noch heute der Mama nach Prag.“

Egon Erwin Kisch lässt eine Sonderausgabe der Tageszeitung drucken, unter der Schlagzeile „Arbeiter und Soldaten Wiens!“ heißt es, die Kommunistische Partei Deutschösterreichs wolle mit der Besetzung der Redaktion „für die Idee der sofortigen Verwirklichung der sozialistischen Republik“ demonstrieren. Dann verlässt die rote Garde das Verlagshaus, aus der kommunistischen Revolution wird in Österreich bekanntlich nichts, aber Kisch bleibt den kommunistischen Idealen ein Leben lang verbunden.

Als der 33jährige Egon Erwin Kisch die „Neue Presse“ stürmt, ist er nicht irgendein Schreiberling, sondern schon ein renommierter Journalist. Von 1906 bis 1913 hat er sich bei der Prager Zeitung „Bohemia“ einen Namen als engagierter, sozialkritischer Lokalreporter gemacht. Er ging als Reporter dahin, wo es wehtat, wie er berichtete: “Ich drängte mich mit der Masse der Frierenden in den Wärmestuben, ich wartete mit den Hungernden in der Volksküche auf die Armensuppe, ich nächtigte mit den Obdachlosen im Nachtasyl, mit den Arbeitslosen hackte ich Eis auf der Moldau, schwamm als Flößerbursch nach Hamburg, statierte im Theater, zog mit dem Heerbann des Lumpenproletariats ins Saazer Land auf Hopfenpflücke und arbeitete als Gehilfe eines Hundefängers.“

1913 landete er einen journalistischen Coup, als er enthüllte, dass ein Oberst der k.u.k. – Armee namens Redl als Spion für die Russen tätig gewesen war.

Nach 1918 siedelte Kisch nach Berlin über, wo er als Journalist und Schriftsteller weiter Karriere machte. 1924 erschien ein Sammelband mit Reportagen unter dem Titel „Der rasenden Reporter“ .Das wurde sein Markenzeichen für ebenso informative wie unterhaltsamen Milieuschilderungen, die literarischen Rang erreichten. Er ging viel auf Reisen, begeisterte sich für die Sowjetunion (ohne deren Schattenseiten zu erwähnen) und sah die USA eher kritisch. Als die Nazis 1933 an die Macht kamen, floh er nach Mexiko. Nach dem 2. Weltkrieg kehrte er an seinen Geburtsort Prag zurück, wo schon 1948 ein Schlaganfall seinem Leben ein Ende setzte.

 

Bildquelle: wikipedia, gemeinfrei

Ein Kommentar

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