Messe – Mut und das Miteinander

Messe – Mut und das Miteinander

Ostwestfalen – ist das nicht an sich schon ein Widerspruch? Aber dort bin ich. Ich stehe auf Gut Böckel und dort auf einem Weihnachtsmarkt. Zum dritten Mal bin ich nun auf der Messe, nicht um zu verkaufen, sondern Quintessenz, Die Kleine Chronik und die Bücher zu präsentieren – zu informieren. Gelegentlich weise ich auch auf den Blog und die Schreibwettbewerbe hin. Um mich herum hochwertige Produkte. Vom Rahmenprogramm, von den Räumlichkeiten, von der ganzen menschlich schönen Organisation der Veranstalter bin ich angetan. Optisch ist die Messe wirklich ein Hinkucker. Das hat sich rumgesprochen und so kommen Busladungen von Messebesuchern, die das als Ausflug sehen. Man hat das nach ein paar Stunden raus, welcher Besucher welche Signale sendet, also, ob man auf diese Person zugehen soll, oder nicht. Ich verhalte mich wie zu Hause. Wer meinen Raum/Messestand betritt, wird begrüßt, ich gebe Zeit anzukommen und frage dann erst, ob es Fragen gibt.

Was aber war in diesem Jahr passiert, dass es so viele Besucher bei den Ausstellern an gutem Benehmen und Wertschätzung fehlen ließen? Vor der Arbeit, oder allein dem Wert des Produkts? Ein Beispiel ist hier eines unser fadengehefteten Bücher. Da lagen auch Bücher, die als Einzelstück auch 300 Euro in der Produktion kosteten. Doch da wurden Seiten mit befeuchteten Fingern umgeblättert – obwohl Handschuhe dort lagen – oder einfach nur so schnell geblättert, dass die Gefahr bestand, dass die Seiten knicken oder reißen. Ich staunte, so kannte ich das von dieser Messe bisher nicht und ich spürte eine gewisse Herausforderung an meinen Sanftmut. Auch andere Aussteller merkten, dass sie abends ins Hotel gingen und das erst einmal verdauen mussten. So erzählte eine Ausstellerin, wie mit ihrer Strickware umgegangen wird, dass sie fast am nächsten Tag nicht mehr kommen wollte. Wir tauschten uns aus, und wenn ich ehrlich bin, dann waren es genau diese Ausstellerinnen, die mich beeindruckten. Von den plötzlich intensiven Gesprächen über ihre #Biografie und genau zwei von dreien will ich jetzt vorstellen, die mich mit allem versöhnten.

Neben mir war der Stand von Marie Rose. Ihre Schmuckmanufaktur heißt Maro Designs.
Marie ist eine kleine, resolute Frau mit unbestimmbaren Alter und kurzen weißen Haaren und rauchiger Stimme. Ich kann es förmlich spüren: Raue Schale, weicher Kern. Dieser Eindruck wird durch kleine Erzählungen ihres Neffen Michael (“Ach Gott war das früher schön, wenn ich mit meiner Cousine zu den Ferien nach München durfte…”) Er half ihr den Stand aufzubauen und unterstützte sie bei diesem unendlichen Warten am Stand. Ihr hochwertiger Schmuck zog mich wegen des klaren Designs an.
Durch Gespräche bekomme ich mit, dass Sie ihren Lebensmittelpunkt in Kenia hat, wo sie sich eine Schmuckmanufaktur aufgebaut hat. Und ist jetzt für eine Messe in Deutschland? Wow, ich bin beeindruckt.
Marie hat Psychologie studiert, was sicher kein Nachteil beim Verkauf ist, hatte eine eigene Praxis mitten in München und beschloss im 40.zigsten Lebensjahr, dass sie so nicht mehr leben möchte. Nein, sie ist keine Aussteigerin, sie ist einfach umgestiegen. Sie beschloss kurzerhand alles einzupacken, auch einiges bei Freunden unterzustellen und dann brach sie nach Afrika auf, um in Nairobi auch mit der Seele anzukommen. Ein mutiger Sprung, allein, als Frau – sehr kühn. Ja, außerordentlich. Sie sah sich vor Ort ein wenig um und stieß auf einem Markt auf Hörner von Kühen. Man verwendet einfach alles, denn die Ressourcen sind knapp. Kurz: Kühe geben Fleisch, Fell, Knochen und Hörner. Aus den letzten beiden kann man Schmuck machen und ganz nebenbei einigen Frauen vor Ort auch noch Arbeit geben. Not bad – würde ich mal sagen. www.maro-designs.com

Wir beschlossen uns gegenseitig in Facebook vorzustellen, machten hierzu ein ein improvisiertes Fotoshooting. Als wir dann am Sonntag die Stände abbauten, war die Stimmung mau. Marie war wie viele vom Publikum enttäuscht. So strebten wir alle unseren Welten zu, tauschten noch Adressen und versprachen in Kontakt zu bleiben. Eine Woche später erreicht mich ein gefütterter Umschlag. Brief und Inhalt haute mich ehrlich um: Marie schickte und schenkte mir die Kette vom Fotoshooting.
Ist das nicht wunderbar?

Eine weitere Begegnung mit einer beeindruckenden, jungen Frau demnächst hier auf unserer „Werkbank“ unter dem Titel “Messe, Mut und Musen”

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Über den Autor:

In den 60ziger Jahren aufgewachsen, die Generation vor mir hatte sauber den Muff unter den Talaren weggekehrt. In den 70ern kamen neue politische, meist grüne, Themen, in der Musik war mehr Avantgarde, Glitter und Pompösrock. Steve Jobs und Bill Gates machten sich auf die Welt zu verändern und das Telefon hatte noch eine Wählscheibe. Man lebte in WGs, führte Diskussionen über Putzpläne, studierte oder machte eine Ausbildung. Man organisierte sich 'offline' nur mit einer mündlichen Absprache und Hilfe einer Uhr. Im Urlaub schrieb man vielleicht Postkarten und knipste Bilder auf Filmrollen und man reiste per Anhalter oder mit dem Zug. Doch die Zeiten bleiben bewegt. Mit meinem Mann leite ich heute Quintessenz – die Manufaktur für Chroniken [ www.quintessenz-manufaktur.de ] und jeden Tag begegnen uns neue Menschen, deren Geschichten und neue Themen.

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