50 Jahre Abitur – oder Abitur mit Hindernissen

50 Jahre Abitur Starkenburggymnasium oder Abitur mit Hindernissen

Von Thomas Klinger
Eigentlich ging ich gerne zur Schule. Das Lernen fiel mir nicht schwer – von Mathe in der Oberstufe abgesehen -, wohl auch, weil wir es damals alles auch leicht nahmen. Das heißt die Schule war zwar Mittelpunkt des Lebens – aber nicht das Lernen. Dies ist natürlich nur ein sehr subjektiver Ansatz und ich weiß, dass es auch Freunde gab, die es bei den Lehrern nicht leicht hatten. Dafür war der Zusammenhalt unter uns Jungen ganz klar und die Fronten waren es ebenso: hier wir Jungen und dort unsere Gegner, die Lehrer.  Unter diesen waren auch ein paar üble Knochen, Relikte aus autoritären Zeiten, aber es gab auch ein paar andere. Als Lichtgestalt ragt hier besonders Werner Wirt heraus, ein hochaufgeschossener Junggeselle mit für diese Zeit ungeheuerlich lässigem Auftreten. Natürlich war er Zeit seiner Laufbahn der unangefochtene Vertrauenslehrer.  Auch war er unser Nachbar in der Graf-von-Galen-Straße, und so hat er mich einige Male „herausgehauen“, wenn ich wieder einmal über die Stränge geschlagen hatte, und auch bei meinem Vater ein gutes Wort für mich eingelegt.

Phillipp Heid

Mein Lieblingsgegner als Lehrer war Phillipp Heid, ein fachlich sicherlich beschlagener Kenner der deutschen Literatur und Literaturgeschichte und gleichzeitig ein Ekel par excellence. Deutsch war eines meiner Lieblingsfächer, und so musste ich mich mit ihm ständig reiben. Herr Heid wagte es aber nicht, mir jemals eine Note schlechter als 2 zu geben. Er  war ein absoluter Goethe-Liebhaber –  brachte den Stoff aber in einer für uns Jungen völlig unangebrachten Form vor, er war offensichtlich in einer längst vergangenen Zeit verhaftet und lehnte jeden neuen  Schriftsteller oder neue Herangehensweisen vehement ab.

Eines seiner Lieblingszitate: „Es böllt und grassiert im ganzen Land!“

Wenn er im Frontalunterricht seine Lebensweisheiten oder geklaute Aphorismen absonderte, hatte man als Schüler ehrfürchtig zu lauschen bzw. die Sprüche ins Heft zu schreiben. Der Inhalt durfte nicht hinterfragt werden, das Wort „Diskussion“ war für ihn der leibhaftige Gott-sei-bei-uns.

Eines schönen Sommertages – ein Sonnenstrahl beschien Heids feistes Gesicht – trug er uns Auszüge aus Goethes Farbenlehre vor. Ein ziemlich abstruses Zeug, heute wurde es man bei Esoterik einordnen. Am Ende seiner Ausführungen blickte er in die Runde: Alle Jungs schauten verständnislos oder geistig abwesend zurück, und in die Stille sagte ich nur: „So ein Käse!“. Heid schlug das Buch zu, wobei der Staub durch die Sonnenstrahlen wirbelte und verließ wortlos den Raum.

Das gab dann die Androhung des Verweises von der Schule.

Das Arschloch

Der endgültige Eklat kam dann 3 Monate vor dem Abitur. Herr Heid hatte inzwischen gnädigerweise Goethe hinter sich gelassen und sogar Büchners „Leonce und Lena“ in den Stundenplan aufgenommen. Alle waren begeistert, endlich mal was anderes durchzunehmen, und so wurde beschlossen – völlig revolutionär – das Stück als Hörspiel zu inszenieren. Ich erklärte mich bereit, das Ganze mit meinem Tonbandgerät aufzunehmen, und so trafen wir uns einige Nachmittage bei mir im Souterrainzimmer, sogar Mädchen aus der Parallelklasse waren dabei. Wir waren eine reine Jungenklasse.  Wir probten und nahmen auf und gaben uns viel Mühe. Dann schnitt ich das Ganze mithilfe eines zweiten, ausgeliehenen Tonbandgerätes und fügte eine Titelmusik hinzu. Hier hatte Herr Heid sich ein bestimmtes Mozart-Stück gewünscht, welches ich jedoch nicht auftreiben konnte und stattdessen völlig arglos die bei meinen Eltern vorrätige „Kleine Nachtmusik“ verwendete.

Am Tag der Aufführung stellte ich mein Tonbandgerät auf das Lehrerpult, Heid kam herein – alle waren höchst gespannt, wie er reagieren würde. In der Aufregung hatte ich vergessen, das Band zurück zu spulen, sodass Heid ungeduldig mit den Fingern trommelte. Ich drückte die Wiedergabetaste und die ersten Takte der  „Kleinen Nachtmusik“ ertönten. Heid in schneidendem Ton: „Mach das aus, mach das aus!“.  Ich wollte mich äußern, aber Heid schnitt mir das Wort ab.
Da brach es aus mir heraus: „Du Arschloch!“ . Heid verließ wortlos das Klassenzimmer, und kurz darauf wurde ich zum Direktor zitiert.

Im Büro von Direktor Dammann wartete schon Klassenlehrer Walter, der völlig fassungslos schien. Herr Dammann hingegen bat mich freundlich Platz zu nehmen. „Herr Klinger, nicht alles was wahr ist muss man unbedingt aussprechen!“  (in breitem sächsischen Tonfall) Aber er müsse mich bedauerlicherweise rausschmeißen, da ich ja schon eine zweite Abmahnung bekommen habe. Er griff zum Telefonhörer: „Hallo Herr Kollege, … ja, ja, ich habe hier einen Fall…. Kurz vorm Abitur, ja blöd….. OK, danke Herr Kollege!“.  Dann zu mir gewandt: „Sie können morgen in Bensheim beim Aufbaugymnasium antanzen.“

Herr Walter ging mit mir ins Klassenzimmer zurück und bat einen Kameraden, mich nach Hause zu begleiten. Ernst-Ludwig (natürlich) meldete sich, und so half er mir beim Gang nach Canossa, sprich zu meinem Vater, der schon telefonisch unterrichtet, wartete. Fast gleichzeitig kam auch schon Werner Wirt angedüst, der Gute, und so war meines Vaters Ärger mit vereinten Kräften schon merklich abgeklungen.

Epilog

Herr Heid ward seit jenem denkwürdigen Tag  nicht mehr in der Schule gesehen. Es heißt, er wäre in der Psychiatrie gelandet. Sicher nicht nur wegen mir, die Klasse über uns ( Ala, Phil etc.) hatten ihn schon waidwund geschossen.
Böse Zungen behaupten, dass das „Du“ für ihn schlimmer als die Verbalinjurie war.

Noch heute begrüßen mich mir unbekannte Leute: „Ach Du bist der Klinger, der damals den Heid abgeschossen hat? Das war gut so!“ (sogar ein Lehrer hatte sich so ge-outet).

Vor einigen Jahren griff ich nach Goethes „Italienische Reise“. Ach, der ist ja richtig gut! Hätte man damals nur richtige Pädagogen vor sich gehabt …..

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