Sommer und Eis eine never ending love story

Sommer und Eis eine never ending love story

Sommer 1968

Jedem ihrer Kinder ein Eis in der Waffel kaufen, dass konnte meine alleinerziehende Mutter von drei Kindern in den 60ern nicht einfach so. Daher fragten wir auch nur sehr selten. Bei uns war es normal, dass jeder Pfennig zweimal umgedreht wurde. Aber es gab diese wunderbaren Sommersonntage, wenn die Hitze in die Wohnung quoll und selbst meine Mutter im schattigen Wohnzimmer schwach wurde.

Dann kramte sie im Geldbeutel, holte aus der Küche eine Plastikschüssel und eine alte Zeitung, und ich sollte nun für die ganze Familie Eis holen. Das erste Mal war ich mit diesem Auftrag im zarten Alter von 8 Jahren unterwegs. Glaubt man Google Maps waren es 900 m – also knapp 2 Kilometer für Hin-und Rückweg. Natürlich sprang ich immer die letzten vier Stufen der Treppe auf einmal runter und hörte die Mahnungen meiner Mutter aus der noch offenen Tür. „Trödel nicht“  und „beeil Dich, aber pass…“ – den Rest hörte ich schon nicht mehr.

Der Weg verlief an einer viel befahrenen Straße entlang, aber auf der Schattenseite machte mir die Sommersonne nichts aus. Drei Fußgängerampeln habe ich in Erinnerung, die gefühlt immer Rot waren. Soviel zur Dramaturgie, die für eine 8-jährige ausreichte atemlos zu werden. Da gab es endlich mal Eis, und ich musste bei der Hitze fast rennen, damit ich keine geschmolzene Pampe nach Hause brachte. Das fest um die Plastikschüssel gewickelte Zeitungspapier isolierte jedoch, auch wenn meine heißen und verschwitzten Hände am Papier und der Druckschwärze klebten – es ging meist gut.

Sommer 1969

Im nächstem Jahr mussten bei mir die Mandeln entfernt werden. Da ich als Kind schon als „Krankenhausveteran“ zählte, hatte ich davor keine Angst –  ganz im Gegenteil. Was mich enorm tröstete: Ich würde jeden Tag Eis als Mahlzeit bekommen. Wenn das nicht ein gerechter Ausgleich war!

Sommer 60er und 70er

Auch wenn sich im Sommer Besuch ankündigte, war meine erste Frage, ob wir dann auch an den Steinbrücker Teich führen. Ich hoffte, dass wir im Sonntagsstaat nach einer Runde Minigolf zum Oberwaldhaus gehen würden und ich mir bei den Schöller- und Langnese-Fähnchen etwas Leckeres aussuchen durfte. Am liebsten mochte ich eigentlich Capri und Wassereis in Stangen, aus denen man so wunderbar den Farbstoff heraussaugen konnte, bis die Hälfte des Eises nur noch aus gefrorenem Wasser bestand.

Heute wohne ich in der „Hauptstadt des Eises“, in Heppenheim. Hier ist das große Langnesewerk und natürlich gibt es FABRIKVERKAUF 😀

Als 1960 das Werk von Hamburg hierher verlegt wurde, schuf das eine Menge Arbeitsplätze. Erzählt wurde mir, dass die Arbeiter damals die aussortierten Eis am Stil den Kindern durch den Zaun schoben, weshalb auch die Heppenheimer Kinder den langen Weg aus der Stadt raus zu den vor den Türen gelegenen Werk fanden. Manchmal sicher auch umsonst, aber die Motivation blieb bis zum nächsten Mal.

Sommer 90er

Ein kleines Ritual sorgte dafür, dass meine Eis-Erinnerungen weiter an meine Tochter gegeben wurde. Oft gingen wir zusammen um die Ecke, holten uns 2 Kugeln in der Waffel und setzten uns auf die schattige Kirchentreppe, ein lauschiger Platz zum Reden und genießen. Eine halbe Stunde „Qualitätszeit“, wie man das heute nennt. Oh, da fällt mir ein: An meinem Kühlschrank hängt noch ein Gutschein für mich und meinem Mann von meiner Tochter und ihrem Freund für ein gemeinsames Eis in der besten Eisdiele in Karlsruhe.

PS. Auf dem Bild: Thomas Klinger, der Inhaber von Quintessenz und Blog Q5 bei seinem ersten Stil am Eis in Binz

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