Weihnachtskatasstrophen – Auszug Biografie

Auszug aus der Biografie von Hannelore Klinger, der Mutter von Thomas Klinger

Wenn schon das Wort Weihnachten fiel, dachte ich an Katastrophen.

Ich erinnere mich an einen Heiligabend 1954. Christine war schon auf der Welt. Es war vormittags, es war alles fertig geputzt, gekocht und die Tafel schon gedeckt und wir warteten auf die Großeltern, die bereits auf dem Weg zu uns waren. Mein Mann hatte am Vorabend wohl Schmalfilme geschnitten und sagte: “Ich schmeiß noch schnell die restlichen Filmschnipsel weg.” Und schon hatte er sie in den Kachelofen geworfen. Ich hörte ein Geräusch, wie ein dumpfes “blubb”, und sah wie sich die Kacheln an der Ofendecke für einen Moment hoben. Dann breitete sich eine schwarze Wolke aus, bevor sich die Kacheln klappernd wieder setzten. Das ganze Zimmer war voll ganz feinem Ruß, das für den Heiligabend vorbereitete Zimmer war völlig schwarz.

Fassungslos dachte ich in dem Moment:

“Der Tod ist besser!”.

Mein Mann beschwor mich: “Ruhig, ruhig, ruhig. Willst Du einen Cognac? Ich verspreche, ich bringe alles wieder in Ordnung”. Sofort fuhr er zu unserer Putzfrau und bat sie, unverzüglich und unbedingt zu kommen. Frau Heinemann wunderte sich: “Wir waren doch gestern fertig. Ich habe die Fenster geputzt und auch die weißen Türen.” “Frau Heinemann, kommen Sie bitte, ich zahl ALLES!” Dann musste die Reparatur des Ofens organisiert werden. Kein Leichtes, da wegen der bevorstehenden Feiertage die Ofensetzer schon alle geschlossen hatten. Glücklicherweise war die Frau eines Ofensetzers bei uns im Betrieb beschäftigt, und Josi konnte den Ofensetzer mit seinem Verhandlungsgeschick dazu bewegen, doch noch zu kommen. Sonst hätten wir mehrere Tage mit einem Säugling im Kalten gesessen.

Der Ofensetzer fragte: “Was haben Sie denn gemacht?” Josi schilderte, dass er Celluloid ins Feuer geworfen hatte und bekam die Antwort: “Ist ja Wahnsinn!”.

Am Ofen waren glücklicherweise nur die alten Kacheln an der Oberseite kaputt. Als der Ofensetzer nach getaner Arbeit ging, bekam er ein fürstliches Trinkgeld. Wir durften den Ofen allerdings noch nicht wieder anfeuern, weil der Mörtel erst trocknen musste. Ein bisschen warme Luft war noch da. Wir haben dann  den Ofen im Esszimmer angemacht und die Türen geöffnet.

Mittlerweile war es schon 2 Uhr nachmittags. Frau Heinemann kam dann, und wir versuchten mit Lappen alles abzuwischen, doch es war nur Schmiere. Alles andere wurde vorsichtig abgestaubt und gesaugt. Was abzuwaschen ging, wurde abgewaschen. Nachher war es beinkalt. Wir hatten noch so kleine elektrische Öfen, einen im Bad damit es nicht so kalt war, wenn wir uns wuschen. Diese Öfen liefen jetzt auf Hochtouren, sodass die Sicherungen immer wieder rausflogen.

Dann kamen die Eltern. “Ist das heute kalt bei Euch”. – “Du hättest Dich wärmer anziehen sollen, Mutti!” – “Aber sonst ist es bei Euch doch auch nicht so kalt. Es ist doch immer gemütlich!” Josi beichtete sein Missgeschick und wir mussten dann doch alle herzlich lachen.

Beim übernächsten Weihnachtsfest, Christine war noch sehr klein, besorgte Josi dem Thomas ein Eisenbahnbrett. Josi hatte es am Heiligabend in der Fabrik noch schnell angestrichen. Dann kam er mit dem Brett, grün gestrichen wie eine Wiese, (natürlich war es groß, man hätte es auch kleiner machen können, aber bei uns musste ja immer alles groß sein). Ich atmete ein, roch, und dachte nur: “Nein!” Das Brett stank fürchterlich nach Farbe. Im Zimmer war es schön warm, noch duftete es nach Weihnachten. Man konnte förmlich schon die Bratäpfel riechen. Aber das Brett stank vor sich hin, und gegen den heimeligen Geruch an. Wir rissen Fenster und Türen auf. Der Durchzug half auch nicht. Irgendwann hatte sich der Geruch etwas verteilt. Wir haben noch mal gelüftet. Und es wurde immer kälter in dem Zimmer.

Als meine Mutter kam, sagte sie: “Es ist schon wieder so kalt. Habt Ihr wieder Fotos verbrannt?” – “Nein, es ist das Eisenbahnbrett”. Wir haben dann im kalten Zimmer gesessen, gegessen haben wir im Esszimmer.


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Bildquelle:
Thomas Klinger, Bild oben: Die Eisenbahn war da noch nicht auf dem Brett montiert 🙂  Die lilafarbenen Rottöne sind nicht in der Buchversion.

Weitere Auszüge der Biografie von Hannelore Klinger finden Sie hier.
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Über den Autor:

In den 60ziger Jahren aufgewachsen, die Generation vor mir hatte sauber den Muff unter den Talaren weggekehrt. In den 70ern kamen neue politische, meist grüne, Themen, in der Musik war mehr Avantgarde, Glitter und Pompösrock. Steve Jobs und Bill Gates machten sich auf die Welt zu verändern und das Telefon hatte noch eine Wählscheibe. Man lebte in WGs, führte Diskussionen über Putzpläne, studierte oder machte eine Ausbildung. Man organisierte sich 'offline' nur mit einer mündlichen Absprache und Hilfe einer Uhr. Im Urlaub schrieb man vielleicht Postkarten und knipste Bilder auf Filmrollen und man reiste per Anhalter oder mit dem Zug. Doch die Zeiten bleiben bewegt. Mit meinem Mann leite ich heute Quintessenz – die Manufaktur für Chroniken [ www.quintessenz-manufaktur.de ] und jeden Tag begegnen uns neue Menschen, deren Geschichten und neue Themen.

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