„76137“

Die Karlsruher Südstadt – ein klasse Song weckt Erinnerungen

Vorab: Der Song ist von 2014 – und bis er mich hier in Heppenheim erreichte, hat es ein wenig gedauert. So gut, wie “Z” dies im Song beschreibt – das kann ich nicht, aber er riss mir ein wenig das Herz auf! 🙂

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1990 zog ich in die Südstadt, alleinerziehend, die Ohren voll von guten Verhaltensratschlägen, Horrorgeschichten von No-Go-Areas, von Exoten, Verrückten, Trinkern, Arbeitslosen, gewalttätigen Stütze-Empfängern, Gewinnern und Verlierern und vielen Emigranten.

Meine Überraschung war groß und angenehm.

Rassismus gab es in der Südstadt nicht: Die Deutschen wurden freundlich behandelt. Ein echter Multikulti-Mix, bunt und anregend, wie es vielleicht früher in Berlin-Kreuzberg war und daher auch viele Künstler anlockte. Endlich durfte ich laut lachen, gestikulieren ohne komisch angeschaut zu werden, kurz: Ich fiel gottseidank nicht mehr auf. Es war wie zu Hause ankommen.

EchteKerle

Kinoplakat in der Schauburg

Die Südstadt teilte sich in unsichtbare Grenzen, gezogen von  Künstlern, Arbeitslosen, Handwerkern und sehr vielen – damals hieß das noch “Gastarbeiter” und ihren hier geborenen Kindern und Enkeln. Die Grenzen wurden fast allgemein respektiert.
Im Frühling beispielsweise “wuchsen” aus den Ecken der Marienstraße / Schützenstraße die Italiener – und genossen die ersten Sonnenstrahlen. Mit dem Frühling kamen dann auch die Pfiffe für die Frauen, selbst der älteste und dickste Italiener fühlte sich wie Adonis. Echte Kerle halt.

Manchmal war mir das unangenehm. Ich fragte mich aber ehrlich, wie man soviel Selbstbewusstsein kriegte wenn man nur noch 3 Zähne im Maul hatte und grinste innerlich. Nie hätte sich einer der Männer auf eine andere Ecke gestellt, ja es kam vor, dass ich alle vier Ecken besetzt sah, aber auf einer stand nur einer allein. Ich dachte, er wartet wohl auf jemand, aber als ich eine Stunde wieder zurück kam, stand er noch immer dort. Die Eck- Cafebar “Milano” war ihr Stützpunkt. Morgens um 6 Uhr wurde geöffnet, bereit für das italienische Frühstück: Espresso und Zigaretten. Wenn ich vorbei kam, war es meist 7:30 Uhr, die Tür stand offen und auf die Straße drang dichter Zigarettenrauch vermischt mit Kaffeearomen. Ich frage mich gerade, wie das Milano heute ohne seine Rauchschwaden sein mag? Für mich unvorstellbar.

Die Schützenstraße wiederum war durch den türkischen Händler „Arras An- und Verkauf von Gebrauchtmöbeln“, bald fest in türkischer Hand. Auf der anderen Ecke der Schützenstraße/Marienstraße fand sich dann auch bald ein türkisches Brautmodengeschäft gepaart mit Verkauf von Goldschmuck, Richtung Wilhelmstraße einen guten Dönerimbiss.

Der Mix der verschiedenen Nationen wurde alle zwei Jahre deutlich. EM + WM. Fussball. Europameisterschaft und Weltmeisterschaft. Damals schon wurden, politisch nicht gewertet in korrekt und unkorrekt, Landesflaggen aus den Fenstern gehängt. Da mischten sich spanische, jugoslawische, türkische, brasilianische, und afrikanische Fahnen. Gerade zugezogen, startete an meinem Geburtstag 1990 im Gastgeberland Italien die Fußballweltmeisterschaft.

Milano

Das “Milano” 1992 – Fahnen für Italien

Was für ein Trubel, die Wettkampfstimmung, die täglich immer größere Anzahl an Fahnen, quer über Straßen, über Straßenschildern, die offenen Fenster im Sommer und die lauten Fernseher – unterbrochen von „Ahhhh, Ohhh“, und dann das ganz unmittelbare Ausscheiden der Italiener, alles, alles bekam man hautnah mit. Es war mit einem Wort: wunderbar. Alles bereits 1990! Ich erlebte die nächsten Jahre auch das erste Mal Autocorsos – das gab es damals nirgendwo anderes, und keiner hat sich beschwert. „Public Viewing“ hieß damals, dass das Milano gestopft voll war, und draußen an den vergitterten Fenstern hingen die, die nicht reinkamen. Später stellte man die Fernseher auf den Werderplatz, das erste richtige Public Viewing – mit Bühne und Volksfeststimmung – ich könnte schwören, es kam aus der Südstadt. Egal wie es heute dort sein mag, damals konnte man faire Verlierer sehen. Italiener, die schnell um die Ecke gingen, um die Tränen zu verbergen, die vielen bereits eingelagerten Feuerwerksböller mussten noch einige Jahre warten.

In vielen Stadtvierteln pulsiert das Leben an einem Platz, in einer Straße – in der Südstadt waren auch die Seitenstraßen belebt und Kinder lernten schnell sich im ganzen Viertel zu behaupten, die Schwächeren suchten dann ruhigere Plätze wie den Schulhof der Nebeniusschule auf. Unvergessen ist Willi Speck, der Hausmeister, der die Kinder regelmäßig vertrieb. Na ja bis zum nächsten Mal. Der südländische Lebensstil fand zudem Niederschlag auch auf grunddeutschen Schildern. Auf dem Spielplatz war ein Schild am Basketballkorb: Spielen nur bis 22 Uhr erlaubt. Aha!

Spielplatzbittenurbis22Uhrspielen

Eine Fehlbelichtung – schwarzrotgold – dazu ganz deutsch – Spielen nur bis 22 Uhr erlaubt

Kinder wussten durch ihre Mütter, geht nur in den Teil, wo der Marienkindergarten und der Ballspielkäfig ist. Der andere Spielplatz – geteilt durch die Marienstraße – war zu gefährlich. Hier lagen – wie damals gern im weiteren Dunstkreis des alten Arbeitsamtes in der Rüppurrer Straße – viele Spritzen.
Auch einen – sorry – “Dorfdeppen” hatten wir. Nicht im Heim, sondern was man so schön Inklusion nennt, war hier gelebter Alltag. Ein riesiger Kerl und fast so breit wie hoch, sang mit seinem Kinderplastikmikrophon in seiner Hand, schaurig falsch und laut aus dem Parterrefenster seiner Oma deutsche Schlager. Und war dabei absolut glücklich. Er und seine Oma gingen stets zusammen einkaufen, welch Anblick! Dieses so ungleiche Paar, sie ganz klein, er so groß liefen wie zwei Seemänner schaukelnd von einer zu anderen Seite und brauchten daher die ganze Breite des Bürgersteigs. Sah man sie kommen, wechselte man vorsichtshalber die Seite.

WerderplatzvonobenDa in der Südstadt auch das Heim für Obdachlose lag, hatten diese im Sommer am Werderplatz rund um den Brunnen und auf der IndianerbrunnenKirchentreppe ihr Lager aufgeschlagen, wobei im Sommer auch einige in den Grünanlagen schliefen. Das respektierte man und ging dann da nicht durch.
Am Indianderbrunnen und der maximal 20 Schritt weit entfernten Polizeistation, saßen sie eher auf der Schattenseite zur Kirche hin, während die Gäste des Irish Pubs und des Wolfbräus, draußen aßen, tranken, lachten und erzählten. Meistens war das alles ganz harmonisch. Natürlich versuchte man mal eine Zigarette zu schnorren, oder ein bisschen Kleingeld, das direkt an den Kiosk getragen wurde. Der Besitzer war Ihnen natürlich völlig selbstlos wohlgesonnen.

Geeint haben diese vielen unterschiedlichen Menschen, dass sie irgendwie alle kein oder wenig Geld hatten, dazu zählten auch junge Familien und Studenten, man sah es ihnen an, man sah wo und was sie kauften, durch Kinder die laut die Sätze der Alten nachplapperten, wie sie erzogen waren, welche Probleme sie hatten, Alte die aus dem Fenster schauten und so noch am Leben teilnahmen. Man bemerkte, wenn da jemand fehlte und auch mit Trauer wurde gut umgegangen, so im Fall des Mädchens, das überfahren wurde. Die Mutter erzählte später mal, wie gut es ihr getan hatte, dass Viele sie trösteten, ansprachen – ob beim Bäcker oder im Plus, auf der Straße oder im Haus.

Markttage auf dem Werderplatz

Markttage auf dem Werderplatz

Eine kleine Begebenheit kann diese in Teilen gut funktionierende Einheit  verdeutlichen. Markttag – der Samstag, geschäftiges Treiben. Da taucht neben mir am Stand ein Reporter auf und fragt höflich, ob ich ihm einige Antworten zur Südstadt geben kann. Aber ja! Und viele Neugierige blieben stehen. „Was halten sie für das größte Problem der Südstadt?“ Ich vermute heute noch, dass er hören wollte, – die vielen Ausländer, Arbeitslosen etc. Ich überlegte nicht lang und antwortete:“ Ehrlich? Die Hundekacke!“ Mich amüsierte nicht sein Gesicht, sondern dass plötzlich alle um mich herum vereint, „Genau!“ riefen.  Der Reporter vergaß die anderen Fragen und verabschiedete sich, während die Grüppchen über dieses dringende Problem weiterratschten.

Die Fluktuation der Geschäfte nahm erst gegen Ende der 90er immer mehr zu. Träume von Selbstständigkeit zerplatzten, es wechselten sich in schneller Folge Wettbuden, Obst-und Gemüseläden mit Kiosken ab, LaedchenEckeAugartenMarienstrassewährend am Werderplatz die Hutmacherin, ein Relikt aus der Nachkriegszeit und die Buchbinderin im Hinterhof in der Marienstraße standhielten. Es gab auch Erfolgsgeschichten – der Laden der Gründer vom Bauwerk fingen in der Marienstraße an, zogen dann weg in die Adlerstraße und haben den florierenden Laden an einen ganz Großen verkauft. Das kleine italienische Lädchen der zwei Schwestern aus der Luisenstraße konnte sich auch bald am Werderplatz ein größeres Ladengeschäft leisten, aber die meisten Läden waren eher temporär. Eine Institution war die Schauburg – das Programmkino, das ausgezeichnete Filme brachte, auch mal weg vom Mainstream, das richtig kleine Preise für das Kinderkino nahm, und mir und meiner Tochter ermöglichte, viele kleine Filme zu sehen. Eine kleine Maus wohnte vor der Renovierung auch noch dort und freute sich über das viele Popcorn. So war nicht nur der Film spannend, nein, auch die Frage, ob wir sie heute sehen. Als das Kino renoviert wurde – ein Goldrausch mit Plüsch und viel 50er Jahre Flair, wurden ausgerechnet die Toiletten bestaunt. In der Schauburg konnte man zum Sonntagsbrunch gehen, es gab Plakatversteigerungen, und ich erinnere mich an Vorstellungen, als ein kleiner unbekannter Dirk Bach und Ralf Morgenstern und die anderen des schrillen Ensembles von der Filmdose aus Köln „Kleopatra – Beuteljahre einer Kaiserin“ gaben.

KinderprogrammmitEssensrucksack

Das Programmkino – oft ausgezeichnet – die Schauburg

Dann gab es noch die Brauerei Wolf. Ab und dann lag rund um den Werderplatz ein sehr herber und würziger, für mich keineswegs angenehmer Geruch, und alle wussten, ahh – es wird heute gebraut. Dies ist mittlerweile auch Geschichte und ich kam später auf einer Stippvisite nach Karlsruhe dorthin und war wirklich erschüttert vor dem gerade eingerissenem Haus zu stehen.

Ich habe mich von dieser Stippvisite nie mehr ganz erholt, weil ich nicht mehr ständig den Wandel mit-er-lebt hatte und meine ganzen Erinnerungen große Lücken bekamen. Das wollte ich nicht. 2003 zog ich dort weg und diese 13 Jahre haben Spuren hinterlassen. Jetzt aber, der Song von “Z”, der noch soviel mehr auffächert, zeigt dass doch noch viel erhalten ist. Wie tröstlich.

PS. Ich schrieb in den 90ern an einem – selbstverständlich nie veröffentlichten Südstadtführer und  fotografierte – dies ist ein Auszug daraus.

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