Fernsehen in der DDR: Der Reiz des Verbotenen

Fernsehen in der DDR

In den Anfangsjahren der DDR war es verboten, westdeutsche Fernsehsender zu empfangen. Die Antennen mussten alle nach dem DDR-Fernsehturm zeigen.

Eine Kundin schildert in ihrer Biografie:

„Wehe, wenn die Antenne anders ausgerichtet war. Dann kamen Bezirksbevollmächtigte und klärten den Bürger über seine Pflichten auf und es gab auch Strafen.

Natürlich wollten wir – wie die meisten ( wenigen ) Besitzer eines Fernsehers –  lieber das Westfernsehen schauen. (…)

Mein Mann hat dann eine Konstruktion zum Drehen der Antenne gebaut.  An der Antenne war ein Schnurzug angebracht, und über einige Rollen konnte mit einer Kurbel, die im Fensterrahmen angebracht war, die Antenne in die gewünschte Richtung gebracht werden. Das taten wir dann, wenn es Abend geworden war. Im Sommer war es natürlich schlecht, weil es so spät dunkel wurde.

Wenn es dann mal an der Tür klingelte, ging einer zur Tür, der andere drehte die Antenne zurück.   (…)  Nicht vergessen durfte man, nach der letzten Sendung die Antenne für den nächsten Morgen zurückzudrehen.

Meistens sahen wir das Westfernsehen, nur die Kinder wollten ab und zu das ostdeutsche „Sandmännchen“ schauen. Das westdeutsche Fernsehprogramm war natürlich nicht in der Zeitung abgedruckt. So wurde dann am Sonntagmorgen die Programmvorschau eingeschaltet und die Sendungen auf Papier notiert.“

In der Schule versuchte man über den Umweg des Kunstunterrichts die Stimmung im Volk herauszufinden. Die Kinder sollten die Uhr, die sie im Fernsehen kurz vor den Nachrichten sehen, zu Papier bringen. Man darf annehmen, dass die meisten Abbildungen die Uhr der „Tagesschau“ und nicht die dazu kontrastierende der „Aktuellen Kamera“ zeigten.

Es gab jedoch auch Gegenden, wo das Fernsehprogramm des Klassenfeindes nicht zu empfangen war. Die DDR-Bürger lästerten über den abgelegenen Zipfel des Staatsgebietes:

„Wer ist der dümmste Wissenschaftler der DDR?“

„Manfred von Ardenne! Erst erfindet er das Fernsehen, und dann zieht er nach Dresden.“

Man sprach vom „Tal der Ahnungslosen“ (Diese Qualifizierung des lieblichen Elbtales ist neuerdings sehr aktuell! Karl-Eduard von Schnitzler *) wird sich im Grab freuen)

So wie Dresden hatte auch Rügen einen Beinamen: Die Insel der Ahnungslosen. Aus den Erinnerungen von Constanze Junker:

Manchmal, wenn das Wetter „günstig“ war (ich habe nie herausbekommen, wer sich da als Forscher betätigte), gab es wohl auch mal atmosphärische Situationen, bei denen ausländische Sender in das DDR-Gebiet Rügen eindrangen. Aber entweder eine sehr verschwommene Bild-Ahnung oder kaum verständliche Töne, weil überrauscht und meistens fremdsprachig.
Außerdem musste einer draußen ständig die Antenne justieren. Bei Mutter Courage, der Pflegeschwester meines Vaters, ging das in den 70ern so: Vattchen, also ihr Mann, saß im Wohnzimmer vor dem „Kiekschap“ (Plattdeutsch für Fernseher, also Guck-Schrank…), Muttchen als technischer Teil der Familie, stand bei strömendem Regen (der Tag, an dem ich das beobachtete) draußen am Fernsehmast und drehte daran hin und her. Ein Fenster war geöffnet (Flügel noch nach außen!) und Plüschi (Karsten, der zweitälteste Sohn) gab die Kommentare von drinnen nach draußen weiter – jedesmal, wenn irgendein Streifen oder eine Art Ton zu erkennen war, gewaltiges Geschrei: …halt, halt, gleich kommt er … nicht so schnell … was machst du denn … zurück, zurück … nein, nicht so weit … und das den halben Abend lang. Wir waren nur da, weil erzählt worden war, es gäbe an dem Abend nicht nur günstiges Wetter (s.o.), sondern auch noch einen ganz dollen Film …
Als Kinder sind wir nur deshalb gern zur Oma gefahren, die in der Nähe von Magdeburg wohnte, weil wir da die Schlümpfe ansehen konnten.“

 

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copyright Bild siehe ganz unten

Immer wieder wurde von staatlicher Seite versucht, den verderblichen Einfluss der „Bonner Ultras“ (O-Ton Walter Ulbricht) zu behindern.
Etwa 1964/65 wurden die FDJ´ler aufgefordert, mit der „Aktion Ochsenkopf“ die nach Westen gerichteten Fernsehantennen (zum Teil waghalsige Konstruktionen) wieder in die richtige Richtung zu drehen. Dies ging schief, es hagelte Beschwerden und sogar Strafanzeigen wegen Sachbeschädigung.

Ein Berliner berichtet:

„Mitte der 70er Jahre wohnte ich in einem Hochhaus in Berlin Mitte. Natürlich war in diesem Haus eine Dachantennenanlage nur für die zwei DDR-Programme installiert. Also installierten die meisten Bewohner  – auch ich – auf ihren Balkonen weitere Antennen, Richtung Westen. Das muss einigen Oberen missfallen haben (vielleicht sogar dem Saarländer, dessen Tochter dort auch wohnte).

Eines Tages hing ein Zettel im Aushang, dass wegen Arbeiten an der Antennenanlage einige Tage kein Empfang (der beiden Ostprogramme) möglich sei, was weniger interessierte. Als die Arbeiten beendet waren – ohne jede Nachricht – stellte ich wie viele andere Bewohner fest, dass nun auch die Westprogramme in hervorragender Qualität zu sehen waren. Folgerichtig hing dann zwei Wochen später die Aufforderung der Verwaltung am Brett, unverzüglich alle Antennen von den Balkonen zu entfernen. Dem kam man gerne nach, hob sie aber auf, denn das Mistrauen gegen jähe Wendungen bestand ja weiter fort. Dann erfuhr ich, wie bis in die Plattenbauviertel überall in Ost-Berlin ganz still die Umstellung erfolgte.“

Nicht so einfach wie in Berlin war es in anderen Gegenden. Aber auch da waren die Bürger findig. So gab es nahe Weimar eine Bürgerinitiative, die (wohl zum Schein) die Belange des Schlosses berührte. Das Schloss wurde von den initiativen Bürgern des Ortes gefragt, ob es sich an einer Gemeinschaftsantennenanlage beteiligen würde. Der Ort lag im Tal, wenn überhaupt, war nur ein DDR-Kanal zu empfangen. Mit einer Leidenschaft und einem Einsatz, wie man ihn sich selbst für den vollendeten Sozialismus nicht erträumen konnte, wurde ohne jede staatliche Unterstützung auf dem Berg ein Mast errichtet und von dort aus der Ort – alles in vergrabenen Leitungen – verkabelt. Die Empfangselektronik gab es bei einem VEB in Neuhaus. Alles war perfekt, im Tal waren alle TV-Programme (sogar mehrere Dritte) und auch West-Radio zu empfangen, natürlich auch im Schloss.

Und es war kein Einzelfall: überall, wo es möglich war, waren die Bürger auf  ihre Kosten initiativ.
In Jena, was größtenteils im Tal liegt, war ebenfalls eine Bürgerinitiative am Werk, und es wurde ein Mast auf der Anhöhe im Nordosten errichtet, gleich neben dem ehemaligen Schlachtfeld von 1806. Von dort aus konnte man die Empfangsantennen nach Bayern richten und die Teilnehmer mit Kabel versorgen. Zeit und überschüssige Energie war ja vorhanden, wenn man den Erzählungen über die „Arbeitsmoral“ bei Zeiss, Schott und sonstigen Betrieben Glauben schenken darf.

Recht bald wurde auch das Farbfernsehens eingeführt. Das war besonders wichtig, konnten nun auch der Parteitag oder Großereignisse wie der Weltjugendtag die Netzhäute der Werktätigen, Bauern und Intelligenz lebhaft bunt propagandistisch stimulieren. Allerdings behielten die Bonzen ihre Anzüge bei: hellgrau, aus panzerrüstungsartigem Stoff. Ebenso graue Hüte und graue Haare (außer Margot H.).
Die Führung hatte sich für das SECAM-Farbfernsehsystem entschieden. Dies musste zwar auch im kapitalistischen Frankreich lizenziert werden, aber war nicht kompatibel mit dem westdeutschen PAL-System. Das Ziel war natürlich, mit diesen neuen Geräten ARD und ZDF auszusperren. Nach der Auslieferung der Geräte blieben diese wie Blei in den Läden liegen. (Fast) keiner wollte den Komödienstadl in Schwarzweiß sehen. Die Geräte wurden fürderhin mit beiden Systemen angeboten, bzw. nachgerüstet.

Wie so oft bringt es ein Witz auf den Punkt:

Steht ein SED-Genosse vor der SED-Parteikontrollkommission und wird gefragt:
„Wie hältst Du es Genosse mit dem West-Fernsehen?“

Antwort:
„Genossen, ich sehe überhaupt kein West-Fernsehen, höchstens einmal Samstags `Ein Kessel Buntes`!“

 

 *) Karl-Eduard von Schnitzler war der Moderator von „Der schwarze Kanal“, eine gegen die BRD gerichtete Propagandasendung, etwa vergleichbar mit dem ebenso üblen „ZDF-Magazin“ von Gerhard Löwental

Bildquelle: Von West_german_tv_penetration.svg: *West_german_tv_penetration.png: anorak2derivative work: Rrburke (talk) and Xenon54 (talk)Translation: Xenon54 (talk) – West_german_tv_penetration.svg, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11566299

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2 Kommentare

  1. Hubertus 16. März 2016 um 10:53 Uhr- Antworten

    Aus meiner Sicht wird hier sehr verallgemeinert.
    Wer (wie ich selbst) 40 Jahre lang direkt an der ehemaligen Grenze gelebt hat, kann berichten, dass es auch andere „Tatsachen“ gab.
    Mein im Selbstverlag veröffentlichtes Buch „Vielleicht ein Roman?“ gibt auch darüber Auskunft und zwar in Form von authentischen Geschichten aus dem DDR-Alltag. Farbfotos belegen den Wahrheitsgehalt des gesamten Buch-Inhaltes.

    • Petra Schaberger 16. März 2016 um 11:01 Uhr- Antworten

      Vielen Dank Herr Hubertus für Ihre Antwort, doch die hier geschilderten Beispiele sind selbst erlebte Tatsachenberichte und selbstverständlich ist keiner von uns im Besitz der ganzen Wahrheit. Gern können Sie uns Ihr Buch als Rezensionsexemplar zusenden, wir werden es dann nach Durchsicht hier auf unserem Blog besprechen.

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