Wir haben den Opa heute schon gegossen!

2 Kindheitserinnerungen an den Alten Friedhof in Darmstadt

Meine alleinerziehende Mutter war in den 60er Jahren eher eine Ausnahme, aber so hatten wir drei Kinder viel unbeaufsichtigte Zeit.
In der Nähe unserer Straße war der große Darmstädter Friedhof – ein beeindruckendes Areal, ein richtiger grüner Park, viele Bäume, darunter große Tannen mit besonders aufdringlichen Eichhörnchen, die den Damen auf die Handtaschen sprangen und um Nüsse bettelten. Mit 8 Jahren war das natürlich für mich eine der „Hauptattraktionen“ des Friedhofs, auch ansonsten war die Stimmung immer eine beschauliche. Nachtwanderungen, wie das gern mit Kindern entlang einer Friedhofsmauer unternommen wird, gab es damals noch nicht und so hatte der Friedhof nichts gruseliges. Das Einzige wovor ich Angst hatte, war nicht rechtzeitig wieder zum großen schmiedeeisernen Tor zurück zu finden und dann eingeschlossen zu werden. Haben Sie sich eigentlich nie gewundert, warum ein Friedhof nachts abgeschlossen wurde? In den 60er/70er/80er Jahren? Also nicht erst seit heute, seitdem Bronzeschalen geklaut werden.

Auf dem alten Friedhof standen Bänke zum Verweilen und Zwiegespräch bereit. Dankbare alte Damen saßen dort, froh nicht mit Handtasche, Blumen und Gartengerät an einem Stück durchlaufen zu müssen.  Die etwas flotteren Omis radelten mit Körbchen mit Blumen und kleinem Gartengerät auf dem Gepäckträger und Gießkanne am Lenker. Einmal erlebte ich, wie eine Mutter mit Tochter einer radelnden älteren Frau, wahrscheinlich die Großmutter zurief:„ Lass nur, wir haben den Opa schon gegossen“ – das fand ich lustig und musste lachen, womit ich mir einen strengen Blick einhandelte.
Aber am meisten liebte ich den Grünabfall. Dort fand ich – großzügig vor der Zeit weggeworfen – auch im Herbst und Winter wunderbare Blumen, die zurechtgeschnitten tipptopp aussahen und die ich stolz meiner Mutter mitbrachte. Das Gefühl etwas Unrechtes zu tun, hatte ich nicht, ganz im Gegenteil ich war ein wenig traurig, dass man so schöne Blumen wegwarf und froh, dass ich diese dann mitnehmen konnte.

Ein Kommentar

  1. Petra Schaberger 2. Dezember 2015 um 12:01 Uhr - Antworten

    Diese wunderbare Anekdote kommt von einem Herrn Wolfram Stefan aus http://www.seniorbook.de

    Meine Erinnerung geht sehr weit zurück… auf die Zeit, als ich lesen lernte. Über dem Tor zum Nikolaifriedhof war ein Schild mit der Aufschrift: “Es ist u.a. verboten….” Meine Eltern wunderten sich nur, dass ich nix mehr gesagt habe, solange sie mit mir über diesen Freidhof spazierten. Als wir draußen waren fragte mein Vater dann, wieso ich so still gewesen bin. Und ich… Na es ist doch dort verboten u, oder a zusagen…. Wenn ich heute in Bautzen zu Besuch bin, gehe ich natürlich gern über den Nikolaifriedhof und diese Erinnerung fällt mir sofort ein.

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