Zeitreisen – Sie kommt durch’s Schlüsselloch …

Würde ich heute meine Biografie schreiben, würde ich mehr Erinnerungen niederschreiben, die nicht mit meiner Kindheit, sondern mit der meiner Tochter zu tun hat.
Es gibt den Begriff der Helikopter-Mutter, ich war weit davon entfernt. Als Alleinerziehende fehlt einem für so etwas die Zeit, die Energie, das Geld und oft auch alles zusammen, aber man möchte auch nicht, dass dem kleinem Hexennachwuchs etwas fehlt. Daher muss man eine Strategie entwickeln. Man trennt das Unwichtige (Hausfrauen-Contest) vom Wichtigen (Kind, Werte, Bildung und Lebensfreunde). Beim Wichtigen strengt man sich eben doppelt an. Als sie in den Kindergarten kam, erlebte ich, dass sie immer mehr Mut fasste, so dass sie bereits bald den Wunsch äußerte, allein dorthin gehen zu dürfen. Der Kindergarten war nur 240 m entfernt und ich konnte fast die ganze Strecke aus dem Fenster beobachten.
Ich hatte ihr eingeschärft nur über die Straße zu gehen, wenn gar kein Auto kommt!
Doch jetzt war ich die Ängstliche. Was passiert, wenn sie mitten auf dem Weg der Mut verlässt?
Frisch geküsst verließ sie die Wohnung, und – ich schwöre es – sie war zwei Zentimeter größer. Während sie vom 2. Stock die Treppe runterhüpfte hatte ich schon den Schlüssel in der Hand und wartete darauf dass unten die Tür ins Schloss fiel.
Dann sprang ich immer mehrere Stufen auf einmal nehmend ihr nach. Meine Tochter war bereits über die erste Kreuzung gegangen und ich lief ihr geduckt hinter den parkenden Autos auf der anderen Seite hinterher. Einige Passanten haben mich etwas schief angesehen, aber in diesem Viertel konnte man oft verrückte Dinge beobachten. Wie ein Indianer sprang ich von Auto zu Auto, kam kurz nach oben, vergewisserte mich, dass auf der anderen Seite alles in Ordnung war, während ich schon wieder in Deckung ging. Meine Tochter erreichte souverän den Kindergarten, während ich dann doch über mich lachen musste.
Am nächsten Tag schaute ich ihr nur noch aus dem Fenster nach, und nach einer Woche war alles schon Gewohnheit.
Die alle 14  Tage anberaumten Elternabende waren dann die nächste Hürde: Die Kleine abends allein lassen, ohne Babysitter? Wie könnte sie mich im Notfall erreichen, oder jemand anderen? Sie konnte doch noch keine Zahlen. Also entwarf ich eine Telefonliste. Auf ein plakatgroßen Papierbogen klebte ich Fotos vom Kindergarten, von meiner Schwester und guten Freunden in der Nähe. Unter jedes Bild schrieb ich mit großen Ziffern die jeweilige Telefonnummer und machte unter der ersten Ziffer einen kleinen Punkt. Dann übte ich mit ihr. Sie solle immer bei der Ziffer anfangen, wo der kleine Punkt sei und dann nacheinander alle anderen Ziffern wählen. Alle Ansprechpersonen auf der Liste waren vorgewarnt. Ich erklärte ihr, dass es etwas dauern könnte bis jemand ans Telefon geht, wenn sie mich im Kindergarten anruft.  Aber wenn sie ein Problem hätte – ich würde kommen. Versprochen! Das beruhigte sie und ich brachte sie also ins Bett. Es war ein schöner Sommerabend.
Im Kindergarten angekommen dauerte es gerade 10 Minuten bis das Telefon klingelte. „ Da ist eine Mücke im Zimmer!“ Ich konnte sie beruhigen, die Mücke würde bestimmt auch gleich schlafen gehen.  Sie hängte ein und es vergingen 15 Minuten, bis sie wieder anrief – jetzt klang sie schon deutlich ängstlicher.
„Die Mücke schläft nicht …“,- sie machte eine kleine Pause und sagte dann etwas tonlos „Oh, jetzt ist sie rausgeflogen.“
„Mach schnell die Türe zu, damit sie nicht wieder reinkomt und lege Dich wieder ins Bett“, antwortete ich.
Das war jetzt nicht die Antwort, die sie sich erhofft hatte, und jetzt schluchzte sie auf: “ Die kommt durch’s Schlüsselloch, ich weiß es ganz genau!“
„OK, ich habe es ja versprochen, ich komme, hänge jetzt ein, ich bin in drei Minuten da.“
Ich verließ rasch den Elternabend und lief nach Hause. Noch auf halber Strecke lief mir mein Mädchen in Gummistiefeln und Schlafanzug entgegen. Über die Straße konnte sie schließlich. Sie war ja schon groß.

PS. Nach diesem Test hat sie übrigens nie mehr angerufen, wenn ich auf einem Elternabend war. Was ein gehaltenes Versprechen so ausmacht.

 

 

 

 

 

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