Die Liebe meiner Großeltern

Der erste Weltkrieg brach aus und meinem Großvater wurde nun sein Geburtsort (Bonn) zum Verhängnis. Wuchs er doch in Estland auf, machte bei der russischen Marine sein Kaptitänspatent und heiratete meine Großmutter in Tallin.

Bis Kriegsausbruch war er Vater von 9 Kindern, doch er wurde von der Straße weg verhaftet und vor die Wahl gestellt, entweder für die russische Seite zu kämpfen, oder als deutscher Kriegsgefangener nach Sibirien zu gehen.
“Selbstverständlich”entschied er sich für Sibirien. Schließlich waren für ihn Begriffe Offiziersehre von großem Stellenwert. Meine Großmutter wurde von der Inhaftierung informiert und ebenfalls vor folgende Wahl gestellt: Als Frau eines Deutschen zu den Verwandten nach Deutschland oder aber ihrem Mann und inklusive mit allen Kindern ins sibirische Lager zu folgen. “Selbstverständlich” entschied sich für das Lager. Um mehr von der Liebe zwischen meinen Großeltern zu hören, würde ich, wenn ich könnte, an dieser Stelle eine Frage stellen:” Wäre es nicht einfacher für Dich und die Kinder gewesen auszureisen?“  Noch erstaunlicher ist, dass sie mit Kindern und den neugeborenen Zwillingen in einer dieser Eisenbahnwaggons stieg und alle lebend ankamen.

Auch noch im Lager kamen zwei Kinder zur Welt, eines bekam eine Nottaufe und verstarb, doch meinen Onkel Leo  hielt sie verzweifelt am Leben, obwohl er die ‘englische Krankheit’ hatte.
Die große Liebe unserer Großeltern war immer Thema bei uns in der Familie, aber der besondere Charakter und die Überzeugungskraft meiner Großmutter waren es im Besonderen. Die Liebe und Freundschaft hat die beiden gestärkt. Sie sind als Kinder zusammen aufgewachsen und wurden in Stürmen gefestigt.
Die Zeit im Lager überlebten alle Familienmitglieder und wer einmal  „Schwarzes Eis“  von Sergej Lochthofen gelesen hat, weiß, dass dies nur möglich war, weil mein Großvater handwerklich sehr geschickt war und in einem privilegiertem Lager untergekommen ist, in Jurijew.
Er konnte wohl als Schreiner in einer der Baracken arbeiten und damit lebenswichtig ‚nützlich‘ sein. Aus dieser Zeit stammt ein Schachbrett, welches nun sein Ur-Enkel hat. Das leider verloren gegangene Akkordeon, von dem viel erzählt wurde, hätte ich sehr gern mal gesehen.

Hinterlassen Sie einen Kommentar