Zeugnisse und Sommerferien – Schulzeit in den 60er und 70ern

Jeder verbindet etwas anderes mit dem Wort Sommerferien: Von Langeweile bis zur ersten Ferienreise ins Ausland, Erinnerungen an Meer, Nivea, Strand oder Berge, an Pfadfinderlager und gemeinsame Unternehmungen. Doch mit dem erlösenden letzten Schulgeläut und der sechswöchigen Freiheit begann auch für viele Schüler mit einem schlechten Zeugnis ein Nachhauseweg mit Bangen.

Auch ich war keine gute Schülerin und erinnere mich an das zentnerschwere Zeugnis in meinem Ranzen und wie der Nachhauseweg unendlich lang war. Wenn ich heute als Leserin manchmal die Klappentexte mancher Autoren lese, denke ich, dass ich in guter Gesellschaft war. Kreative sind oft visuelle Menschen und ja, das zeigte sich früh bei mir. Während ich in Mathe, Englisch oder Geografie saß, konnte ich im Handumdrehen mit den Gedanken einen anderen Weg einschlagen. Unser Klassenzimmer war mit einem Linoleumboden mit Maserung ausgelegt, in der ich sicher bis an die 37 kleine Figuren sehen konnte. Eine sah aus wie ein Krieger auf einem Mammut, der einen Speer in der Hand hatte, eine andere wie ein Adler … bis ich manchmal hart unterbrochen wurde:

„Petra, komm mal an die Tafel!“ 

Ich erinnere mich an das Lachen meiner Mitschüler und auch an die anschließende Scham, so bloß gestellt worden zu sein. Eigentlich war ich immer das Beispiel, vor welchem gewarnt wurde.

Von allein legte ich meiner Mutter das Zeugnis nicht vor, aber ich wusste bereits, dass ich keine Chance hatte. Meine älteren Geschwister waren sehr gute Schüler und brannten darauf, ihre Zeugnisse herzuzeigen, bis ich als Nesthäkchen auch gefragt wurde: „Na, wo ist denn deins?“

Ach Gott, diese zusammengeklumpte Stille, das laute Herzklopfen.

In meiner Kindheit war die offene Enttäuschung meiner Mutter schlimmer als jedes aufgeschlagene Knie, von denen ich viele hatte, und für mich die schlimmste aller Strafen. Tapfer ertrug ich ihren Blick und hörte die Worte fast gar nicht mehr.  Ach, und wie hasste ich es, wenn sie jedem Menschen, der irgendwie danach fragte was denn die Kinder so machen, seufzte und von ihrem (!) Kummer mit mir sprach. Später als Mutter brauchte ich mein so hart erarbeitetes Verständnis gar nicht, denn Kinder wollen manchmal gottseidank nicht wie die Eltern werden. Meine Tochter war eine gute Schülerin.

 

 

 

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